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Full text of "Palälographie"

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SONDERDRUCK AUS 

DEUTSCHE PHILOLOGIE IM AUFRISS 

Herausgegeben von Professor Dr. Wolfgang Stammler 



BERNHARD BISCHOFF 



PALÄOGRAPHIE 



2. überarbeitete Auflage 




ERICH SCHMIDT VERLAG 

Berlin • Bielefeld • München 



iUitS 



BERNHARD BISCHOFF 

PALÄOGRAPHIE 

Mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Kulturgebietes 

Einleitung (Sp. 379). - I. Schriftwesen (Sp. 379); 1. Schreibstoffe und Schreibwerkzeuge (Sp. 379); 
2. Die äußeren Formen der Schriftwerke (Sp. 385); 3. Die Schreiber und das Schreiben, Minia- 
toren (Sp. 394). - IL Geschichte der lateinischen und deutsdien Schreibschrift bis zum Ende des 
Mittelalters (Sp. 399); 1. Die römischen Schriftarten (Sp. 399); 2. Die Schrift der vorkarolin- 
gischen Zeit (Sp. 403); 3. Die karolingische Minuskel und ihre Entwicklung in Deutschland bis 
zum Ende des XII. Jahrhunderts (Sp. 414); 4. Die gotische Schriftperiode (XII. — XV. Jahr- 
hundert) (Sp. 422); 5. Ergänzendes (Sp. 435). 



Einleitung 

Alles ma. Schriftwesen baut auf dem Antiken auf und 
entwickelt es unter veränderten Verhältnissen weiter. 
Das gilt für das Buchwesen wie für die Schriftgeschichte. 
Für die Volkssprachen wurzelt beides im Lateinischen, 
das bis zum XII. Jh. sie umgibt und dann neben ihnen 
eine imponierende Stellung behält. Es war deshalb auch 
in dieser Darstellung, in der Buchwesen und Schrift des 
fränkisch-deutschen Kulturgebiets im Mittelpunkt ste- 
hen, unerläßlich, vom Lateinischen auszugehen, die an- 
tiken Voraussetzungen zu skizzieren und die übrigen 
fremden Einflüsse, denen die dt. Kultur des MA.s soviel 
verdankt, in ihrem Ursprung verständlich zu machen. 

Die bibliographischen Angaben wollen nur an die 
wichtigste Literatur heranführen; weiteres ist meist den 
betreffenden Abschnitten bei Battelli, Lehmann, Foerster 
und Bretholz zu entnehmen. Auch die Hinweise auf Ab- 
bildungen sollen nicht erschöpfend sein, sondern die 
Möglichkeit an die Hand geben, das Studium der Dar- 
stellung durch jenes guter und sprechender Faksimilia 
zu vertiefen. 

I. Schriftwesen 

1. Schreibstoffe und Schreibwerkzeuge 

Papyrus. Der klassische Schreibstoff des MA.s 
für Bücher und Urkunden war das Pergament, 
neben dessen Verwendung zunächst der Gebrauch 
des Papyrus noch andauert, während es im Spät- 
MA. seine Stellung z. T. an das Papier verliert. 
Der Papyrus ist der altägyptische, von Griechen 
und Römern übernommene Schreibstoff, der 
eigentliche Träger der antiken Literaturen. Er 
wird aus dem Mark der Papyrusstaude gewon- 
nen; praktisch hatte Ägypten das Monopol für 
die Herstellung. Üblicherweise in Rollenform 
benützt und einseitig beschrieben, wurde der 
Papyrus schon bei den Christen des II. Jhs. zu 
Büchern aus gefalteten Blättern verwendet. Im 
IV. Jh. wird das Pergament als Schreibstoff so 
sehr herangezogen, daß man geradezu von einer 
Umstellung des Buchwesens vom Papyrus auf 
das Pergament sprechen kann, die für die Er- 
haltung der Literatur von entscheidender Bedeu- 
tung geworden ist, da in ma. Bibliotheken nur 
ganz wenige Hss. aus dem gebrechlicheren Stoff 
die Zeiten überdauert haben. Er wurde aber als 



Schreibstoff weiterhin gebraucht und ist als 
Handelsware auch in die Germanenreiche gelangt, 
wenigstens bis zu der Schließung des Mittelmeeres 
durch die Araber. Noch aus dem VI. und VII. Jh. 
sind einige abendländische Buchhss. auf Papyrus 
erhalten, als eine der jüngsten ein Augustinus- 
Codex aus Luxeuil, mit eingelegten Pergament- 
blättern, die die Mitte und die Außenseiten der 
Lagen schützen sollen (CLA 614). Bis in die 
zweite Hälfte des VII. Jhs. wurden in der mero- 
vingischen Königskanzlei Urkunden auf Papyrus 
geschrieben; länger noch haben Ravenna und die 
päpstliche Kanzlei für Urkunden und Kopial- 
bücher daran festgehalten, die letztere bis ans 
Ende des XL Jhs. Der Name lebt in der Bezeich- 
nung des zweiten aus dem Orient kommenden 
Schreibstoffs, des Papiers, fort. 

Lit.: W. SCHUB ART, Einführung in die Papyrus- 
kunde (1918); BATTELLI, Lezioni 3 , S. 28—30; L. SAN- 
TIFALLER, Beiträge z. Gesch. d. Beschreibstoffe im MA. I 
(MIÖG., Erg. Bd. 16, I, 1953), .S. 25—76; J.-O. 
TJÄDER, Die nichtliterarischen lateinischen Papyri 
usw. 1 (Lund 1955), S. 81—85. 

Pergament. Der Herstellungsgang des Perga- 
ments ist folgender: Die Tierhaut wird nicht ge- 
gerbt, sondern in scharfer Kalklauge gebeizt, wo- 
durch die Haare gelockert werden und die Haut 
entfettet wird. Mit einem halbmondförmigen 
Schabeisen wird die Haut sodann gereinigt, da- 
nach evtl. nochmals ausgelaugt. Auf einen Rah- 
men gespannt, wird sie getrocknet. Ob und wie 
das Pergament weiterbehandelt wurde, ist nach 
Ländern und Zeiten verschieden und scheint in 
erster Linie von dem Ausgangsmaterial, also der 
Tierart, abzuhängen. So ist festländisches Perga- 
ment der Karolingerzeit, hauptsächlich wohl die 
Haut von Schafen, im allgemeinen glatt; italieni- 
sches des späteren MA.s ist mehr oder weniger 
kalziniert, d. h. vor dem Trocknen mit einem 
Kreideaufguß für das Schreiben vorbereitet. Bei 
sehr sorgfältiger Bearbeitung können Fleisch- und 
Haarseite die gleiche Weiße annehmen, obwohl sie 
sich auch dann noch durch die Art der Krümmung 



I. Schriftwesen 



unterscheiden, wie sich an dem oft sehr feinen 
iment antiker Hss. beobachten läßt. 

Von Abweichender Beschaffenheit pflegt der 
Schreibstor] insularer, d. h. von Iren oder Angel- 
sachsen geschriebener Hss. zu sein; sie verwen- 
deten die stärkere Haut von Kalbern, die außer- 
dem gewöhnlich auf beiden Seiten angerauht 
wurde, so daß der Unterschied von Fleisch- und 
Haarseite verschwand. Wie die anderen Eigen- 
heiten ihres .Schrittwesens haben die Angelsachsen 
auch ihre Wahl und Zubereitung des Pergaments 
in ihre Missions- und Einflußgebiete übertragen. 
So ist z. B. der Schreibstoff der karolingischen 
Hss. aus Fulda und Mainz und der des Münche- 
ner ,Heliand' „insulares" Pergament. Zeigt dage- 
gen eine irisch oder angelsächsisch geschriebene Hs. 
(z. B. das ags. Wiener Cutbercht-Evangeliar) fest- 
ländisches Pergament, so ist die Möglichkeit der 
Entstehung auf dem Festland zu prüfen. In nach- 
karolingischer Zeit hat die Verbreitung des rauhen 
Pergaments in ganz Deutschland zugenommen. 
Eine Spezialität des späteren MA.s ist das zarte 
Jungfernpergament, das aus der Haut ungebore- 
ner Lämmer gewonnen wurde. Die Qualität des 
Pergaments und die Sorgfalt seiner Wahl und Zu- 
bereitung sind ein Maßstab für das Niveau des 
Skriptoriums. 

Das Pergament als Schreibstoff hatte kaum 
die Gleichstellung mit dem Papyrus in der all- 
gemeinen Wertschätzung erlangt, als die Prunk- 
liebe der Spätantike darauf verfiel, statt ein- 
fachen Pergaments purpurgetränktes zu verwen- 
den, ein Luxus, der auch auf biblische Codices 
übertragen wurde; eine Purpurhs. der Evange- 
lien ist der wohl für Theoderich geschriebene 
Codex Argenteus. Wie schon bei den Angelsach- 
sen, so wurden unter Karl d. Gr. und seinen 
ersten Nachfolgern in der Hofschule und in meh- 
reren anderen Schreibschulen solche biblischen und 
liturgischen Prachtcodices hergestellt; auf dem 
dunklen, kostbaren Stoff, der nach leuchtenden, 
glänzenden Farben verlangte, wurde nur mit 
Gold und Silber geschrieben. Vollständige Pur- 
purhss. sind z. B. das Godescalc-Evangelistar (CLA 
681) und das Krönungsevangeliar der deutschen 
Kaiser in der Wiener Schatzkammer, ebenfalls aus 
Karls d. G. Zeit; in andere Hss. sind nur ein- 
zelne Purpurblätter eingefügt (z. B. CLA 576 
Thcodulf-Bibcl). Es ist möglich, daß alles echte 
Purpurpergament aus Byzanz eingeführt worden 
ist, wie sicher ein/eine Blätter mit eingepreßten 
Verzierungen, die in ottonischen Hss. sich finden. 
Denn sonst ersdieinen wohl Purpurseiten in otto- 
nischen und salischen Prachthss., aber das Perga- 
gament ist nicht mehr durchgefärbt, sondern nur 
oberflächlich koloriert. 

Lit.: L. SANTI FALLER, Beiträge, S. 77—84. Pur- 



purcodices: E. LESNE, Les livres, .Scriptoria* et biblio- 
theques, du commencement du VIIIc siecle a la fin du 
XI« sicclc (Lille 1V38) S. 14 ff. 

J'alimpseste. Sehr oft ist beschriebenes Perga- 
ment durch Abwaschen oder Abschaben von der 
Sdirift befreit und neubeschrieben worden, als 
sog. Palimpsest. In der Regel handelte es sich bei 
solcher Ausschaltung wohl um Hss., die unvoll- 
ständig oder textlich wertlos geworden waren, 
wie es Rechtstexten oder liturgischen Texten oder 
altlateinischen Bibelübersetzungen durch Refor- 
men geschehen konnte, oder um Texte, für die das 
Verständnis geschwunden war, wie für die goti- 
sdien Texte (Palimpseste in Mailand, Rom, Wolfen- 
büttel); selten wird man absichtliche Vernichtung 
— etwa häretischer Texte — als primäres Motiv 
der Palimpsestierung anzusehen haben. Die V 
lichkeit, die untere Schrift wiederzugewinnen, ist 
sehr verschieden, nach der Tinte, nach der Art der 
Tdgung, die unter Umständen nur die Punkturen 
übrig läßt, und danach, ob irgendwann chemische 
Mittel zur Auffrischung der Schrift angewendet 
worden sind. Solche mögen zwar momentan ein 
günstiges Ergebnis zeitigen, verderben aber das 
Pergament und verringern den Erfolg der neu- 
zeitlichen Palimpsestphotographie, die unschäd- 
lich ist, meist aber am besten die Entzifferung 
unterstützt. Die wertvollsten und wichtigsten 
abendländischen Palimpsesthss., mit Schriften des 
IV.— VII. Jhs., die im VII. und VIII. Jh. über- 
schrieben worden sind, sind aus Bobbio, Luxeuil, 
Corbie, Lorsch und St. Gallen überliefert, dar- 
unter Cicero ,De re publica' und Reden, Plautus, 
Fronto, aber auch Ulfilas (U. Carolinus, in Wol- 
fenbüttel, dessen Entdeckung durch F. A. Knittel 
um 1756 für die Palimpsestforschung epoche- 
madiend wurde) und der westgotische Codex 
Euricianus. Häufig haben die Iren abgeschabtes 
Pergament benützt, wenn auch hier der Palim- 
psestcharakter oft schwer feststellbar ist. Seit der 
karolingischen Zeit ist das Palimpsestieren ver- 
hältnismäßig selten, und bei den zerstörten 
Schriften handelt es sich meist um Liturgisches; 
aber es gibt überrasdiende Ausnahmen. Ein ahd. 
Palimpsest saec. IX in. ist der verkürzte Abro- 
gans in Prag, Lobkowitz 434 aus Weißenau 
(BAESECKE, Lichtdrucke. 36—38). 

Lit.: FR. MONE, De libris palimpsestis tam latinis 
quam graecis (1855); E. CHATELAIN, Lcs paümpses: 
latins (Paris 1903); widitig die Bibliographie der Arbei- 
ten von A. DOLO: Colligere Fragment«, Festschrift A. 
Dold (Beuron 1952), S. IX — XX 

Papier. Vom XIII. Jh. ab erscheint neben dem 
Pergament ein neuer orientalischer Schreibstoff, 
das Papier. Dieses ist eine chinesische Erfindung 
des 11. nachdiristlidien Jhs. Erst 751 wurde seine 
Herstellung durdi chinesisdie Kriegsgetangene nach 
Samarkand übertragen, und von hier aus ver- 



Bischoff - Paläographie 



breitete sie sich langsam in der arabischen Welt; 
im XII. Jh. ist das Bestehen einer Papiermühle in 
Xativa bei Valencia bezeugt, noch unter arabischer 
Herrschaft. Ein Jh. später begann die Papier- 
fabrikation im christlichen Spanien und in Italien, 
um 1340 in Troyes; in Deutschland war der Nürn- 
berger Patrizier und Handelsherr Ulman Stromer 
der erste, der 1390 mit Hilfe italienischer Werk- 
leute eine Papiermühle gründete. Im Abendland 
ist zunächst arabisches Papier verwendet worden; 
Friedrich IL, aus dessen Kanzlei Mandate auf 
Papier erhalten sind, verbot 1231, es für Nota- 
riatsinstrumente zu benützen. So ist der Gebrauch 
in den Kanzleien vorwiegend auf Konzepte, Re- 
gister, Protokolle usw. beschränkt geblieben. Die 
früheste Papierhs. deutschen Ursprungs ist das 
Registerbuch des Passauer Domdechanten Albert 
Beham von 1246/7 (Clm. 2574 b: Chroust I, 1, 7 u. 
2, 8). Die ältesten Papiere sind teils dick und 
weich, teils derb und dauerhaft. Um 1300 kam 
der Brauch auf, das Papier mit Wasserzeichen zu 
versehen, indem auf das Schöpfsieb ein geformter 
Draht gelegt wurde. Diese Markenzeichen: Buch- 
staben, Tiere, Werkzeuge, Embleme aller Art, sind 
von reizvoller Mannigfaltigkeit und ermöglichen 
in vielen Fällen, die Herkunft des Papiers zu be- 
stimmen und die Entstehung einer Hs. aufzuklären. 

Lit. : F. HOYER, Einführung in die Papierkunde, 
m. e. Beitrag z. Geschichte des Papiers v. H. H. BOCK- 
WITZ (1941); L. SANTIFALLER, Beiträge, S. 116 bis 
152. Wasserzeichen: CH.-M. BRIQUET, Les filigranes 2 
(Leipzig 1923, 4 Bde.). 

Wachstafeln. Dem Altertum und dem MA. ge- 
meinsam ist der Gebrauch der Wachstafeln. Zu 
ihrer Herstellung wird bei einer Holz- oder Elfen- 
beintafel unter Belassung eines Randes eine flache 
Vertiefung ausgehoben und die Grube mit Wachs 
gefüllt; auf dieses wird mit dem Griffel ge- 
schrieben. Werden zwei oder mehr Tafeln ver- 
einigt, so spricht man von einem Diptychon bzw. 
Triptychon oder Polyptychon; in der bildenden 
Kunst sind sie oft dargestellt. Aus den letzten 
Jhh. des Altertums stammen die reliefgeschmück- 
ten Konsulardiptychen aus Elfenbein, die von den 
Konsuln beim Amtsantritt verschenkt wurden. 
Diese hat man im früheren MA. gern benützt, um 
Litaneien oder die Wohltäter der Kirchen darin 
einzutragen, und bei manchen sind noch Schrift- 
spuren auf der Rückseite sichtbar; andere sind als 
Buchdeckel für kostbare Hss. benützt worden. Im 
MA. sind Wachstafeln allgemein verbreitet; man 
trägt sie zu raschem Gebrauch am Gürtel an- 
gehängt. Die durch Funde antiker Tafeln bezeugte 
Verwendung für Urkunden ist abgekommen. Aber 
Schüler schreiben ihr Pensum und Schriftsteller 
ihre Konzepte darauf; aus der Lübecker Jakobi- 
schulc sind Schrcrbtafeln des XIV. Jhs. erhalten. 



Vor allem ist das ma. Rechnungswesen zu einem 
sehr großen Teile auf Wachstafeln geführt worden, 
und die meisten der erhaltenen Stücke haben zu 
diesem Zwecke gedient. Mancherorts hat ein ähn- 
licher Gebrauch bis ins XIX. Jh. fortgedauert. 

Lit.: WATTENBACH, Schriftwesen 3 , S. 51—89; R. 
DELBRÜCK, Die Konsulardiptychen u. verwandte 
Denkmäler (1929); J. WARNCKE: Zs. für Geschichte 
der Erziehung und des Unterrichts 2 (1912) S. 227 ff. mit 
Abb.; W. DERSCH: Archivstudien z. 70. Geb. v. Wol- 
demar Lippert (1931), S. 72 ff. m. Abb. 

Tinte und Farben. Schon die Antike kennt ver- 
schiedene Tinten, solche, die mit Ruß, andere, die 
mit Sepia oder Galläpfeln zubereitet war, auch 
Metalltinte. Wohl vor allem die letztere ist es, die 
sich in manchen spätantiken Hss. nachträglich 
unter Einwirkung von Feuchtigkeit in das feine 
Pergament eingefressen oder sogar durch die 
Membran hindurchgefressen hat, so daß „Fenster- 
chen" statt der Schrift zu sehen sind (CLA 345, 
436 a.b). Die Tinte der Hss. des IV.— VI. Jhs. 
scheint vielfach eine lackartige Konsistenz zu 
haben und auf der Fleischseite des Pergaments 
weniger zu haften als auf der Haarseite; ihre 
Färbung schwankt zwischen klarem Dunkelgelb 
und Olivbraun. Seit dem VII. Jh. herrscht auf 
dem Festland dunkelbraune Tinte vor, im VIII. 
Jh. kommt auch grünliche vor; die Tinte italie- 
nischer Hss. spielt oft in graue oder gelbliche Töne. 
Irische und ags. Schreiber dagegen haben offenbar 
ein anderes Rezept benützt, da sie vorwiegend mit 
schwarzer Tinte schreiben, die durch sie auch auf 
dem Festland verbreitet wird, z. B. in Nieder- 
deutschland und den übrigen Gebieten ags. Ein- 
flusses in Deutschland. Im späteren MA. ist die 
Tinte oft blaß. Ma. Tintenrezepte sind in großer 
Zahl überliefert; dabei sind Galläpfel und Vitriol, 
die mit Wein, Regenwasser oder Essig angerührt 
werden, die wichtigsten Bestandteile. 

Die zur Hervorhebung oder Auszeichnung, z. B. 
von Überschriften oder von kommentierten 
Texten, verwendete Farbe ist gewöhnlich Ziegel- 
rot (minium, Mennig). Oft tritt eine zweite und 
dritte Auszeichnungsfarbe hinzu, und hier lassen 
sich Unterschiede des örtlichen Geschmacks und 
ein Wechsel der Moden feststellen; die romanische 
und frühgotische Zeit bevorzugt ein Wechselspiel 
von Rot und Blau, dazu teilweise noch Grün. 

Der Gebrauch von Gold und Silber, für deren 
Bereitung zum Zwecke des Schreibens verschiedene 
Rezepte erhalten sind, knüpft an spätantike und 
byzantinische Schreibkunst an. Er findet sich nicht 
bei den Iren, bei den Franken und bei den Lango- 
barden, wird aber von den Angelsachsen auf- 
genommen (schon im Book of Lindisfarne). Die 
Karolingerzeit hat Freude an der Verwendung der 
kostbaren Tinte, auf Purpurperg.imcm wie aul 



I. Schrift v. 



gewöhnlichem Pergament, ganze Hss. hindurch 
oder auch nur /u gelegentlicher Auszeichnung; sie 
sind aber fast ausschließlich der liturgisclicn Sphäre 
vorbehalten. Bis in die Baiische Zeil setzt sich diese 
Tradition tort; besonders wird die Auszeichnung 
den heiligen Patronen in Kaiendarien, Litaneien 
und Legenden zuteil. In jüngerer Zeit ist Gold- 
und Silberschrift selten; dagegen wird die Aus- 
schmückung der Initialen mit Gold und Silber, 
später mit aufgelegtem Blattgold das ganze MA. 
hindurch geübt. 

Lit.: WATTENBACH, Schriftwesen 3 , S. 237 ff. 

Schreibwerkzeuge. Das übliche Schreibinstru- 
ment ist zweifellos durch das ganze MA. die 
Vogelfeder, im Gegensatz zu dem Schreibrohr der 
Antike, dem calamus, der jedoch bisweilen in ma. 
Quellen dem Gänsekiel den Namen leiht. Wann 
der Übergang von dem einen zum anderen statt- 
gefunden hat, und ob vielleicht in Italien, das 
selbst brauchbares Schreibrohr erzeugte, länger 
daran festgehalten worden ist, ist nicht geklärt. 
Für das Schreiben auf der Wachstafel diente der 
Griffel, der oft aber auch beim Pergament an- 
gewendet worden ist, und zwar für Notizen aller 
Art. In zahlreichen Hss. sind ahd. Glossen damit 
unauffällig eingetragen worden. Auch Rötel und, 
in späterer Zeit, weiche Metallstifte wurden so 
verwendet. Vervollständigt wurde die Ausrüstung 
des Schreibers durch Federmesser, üblicherweise 
zwei Tintenhörner für Schwarz und Rot, Bims- 
stein und das Werkzeug zum Liniieren: das puneto- 
rium (Zirkel, Ahle, später auch ein Rädchen mit 
Spitzen) zum Einstechen der Punkte für die 
Liniierung, ein Holzstäbchen und ein Lineal. 

Lit.: WATTENBACH, Schriftwesen 3 , S. 215 ff. 
Griffelglossen: B. BISCHOFF: ZblfBblw. 54 (1937) 
173—177; H. MERRITT: Amer. Journal of Philoloey 
55 (1934) 227 — 235. Lit. über punetorium s. zum näch- 
sten Abschnitt. 

2. Die äußeren Formen der Schriftwerke 
Der Codex. Die übliche Form des ma. Buches 
ist der Codex, der aus einfach gefalteten und zu 
Lagen zusammengestellten Pergament- oder 
Papierblättern besteht. Fr ist seiner Entstehung 
nach ein Abbild des Diptychon bzw. Polyptychon 
aus Wadistafcln. Nicht erst mit der erwähnten 
Umstellung des Sdiriftwescns vom Papyrus auf 
das Pergament ist die Codexform aufgekommen; 
sparsamer in der Ausnützung des Schrcibstotfcs als 
die Rolle, ist der Papyruscodex schon im IL Jh. 
Form christlicher Büdier gewesen (Chestcr Beatty- 
Papyri). Die Stärke der Lagen war zunächst 
extrem unterschiedlich, von einem Doppelblatt bis 
zu mehr als 50, so daß ein ganzes Buch, etwa ein 
Evangelium, in einer ein/igen Lage untergebracht 
werden konnte. Im Zeitalter des Pergaments ist 



eine derartige Anlage noch in irischen Evangc- 
liaren des VIII. Jhs. nadigeahmt (z.B. Fulda, 
Cod. Bonif. 3). Sonst besteht die regelmäßige 
Pergamentlage im allgemeinen aus vier Doppel- 
blättern (Quaternio), in vorkarolingischen Hss. 
seltener aus fünf Doppelblättern. Im späteren MA. 
werden die Pergament- und Papierlagen stärker. 
Soweit Fleisch- und Haarseite nicht, wie bei dem 
insularen Pergament, mit Bimsstein gleichgemacht 
sind, gehört es zu den Regeln eines geordneten 
Schriftwesens, daß die homogenen Seiten einander 
zugewandt sind. 

Neben der Zusammenstellung der Lagen aus 
Doppelblättcrn zu vier Schriftseiten ist spätestens 
seit der ersten Hälfte des XIV. Jhs., also minde- 
stens ein Jh. vor der Erfindung des Buchdrucks, 
auch das Schreiben auf nicht auseinandergeschnit- 
tenen Bogen zu acht oder sechzehn Seiten üblich 
gewesen, wie Makulaturfunde gelehrt haben; die 
Seiten waren dabei wie beim Druckbogen (in 4 
bzw. 8 ) angeordnet. 

Im allgemeinen wird zusammen mit der For- 
mierung der Lage die Liniierung vorgenommen. 
Audi dabei gehen die Insularen eigene Wege, in- 
dem sie die Lagen erst falten und dann die Punk- 
turen anbringen (also auf jedem Einzelblatt links 
und rechts) und dann mit dem Griffel liniieren. 
Die übrigen durchstechen und liniieren die un- 
gefalteten Blätter, so daß jedes einzelne Blatt nur 
eine senkrechte Reihe von Stichen aufweist, in 
Hss. bis zum VI. Jh. häufig innerhalb des Schrift- 
spiegels, später üblicherweise am Rande desselben 
oder am äußeren Rande. Eine besondere sorg- 
fältige' antike Methode der Liniierung (zwei mit 
der Fleischseite nach oben aufeinandergelegte 
Doppelblätter werden zusammen liniiert, eines 
davon wird dann umgewendet, so daß in der Lage 
nur homogene Seiten einander gegenüber stehen) 
wird am Anfang des IX. Jhs. wiederentdeckt und 
in einigen der besten karolingischen Schulen, z. B. 
Tours, angewendet. Vom XII. Jh. ab wird häufig 
mit Blei, vom XIII. Jh. ebenso mit Tinte liniiert. 
Die Ordnung der Doppelblätter innerhalb der 
Lagen wird erst in jüngeren Hss. (saev. XIII ff.) 
markiert. 

Die Lagen werden gezählt, meist am Schluß: 
die Methoden sind sehr verschieden. Eine weitere 
Hilfe für den Buchbinder sind die Kustoden (Re- 
klamanten), die unten am Sdiluß der letzten Seite 
einer Lage vermerkten Anfangswörter bzw. -silben 
der folgenden I age; sie dringen seit dem XII. Jh., 
wie es sdicint, von Italien aus überallhin vor. 

Nach vereinzelten Vorläufen erscheint seit dem 
XII. Jh. verhältnismäßig häufig durchlautende 
Blattzählung, in liturgischen und in anderen Hss. 
seit dem XIII. Jh. auch Seitenzählung oder fort- 
laufende Zählung der Kolumnen. Eindeutiger 



Bischoff - Paläographie 



zum Zwecke des Zitierens dient — in Verbindung 
mit der Foliierung oder Paginierung — bei zwei- 
spaltigen Hss. die Numerierung der vier Spalten 
des aufgeschlagenen Buches. Selbst Zeilenzählung 
ist in wissenschaftlichen Büchern vorgenommen 
worden, aber sie scheint auf England, besonders 
Oxford, von der Mitte des XIII. bis ins frühe 
XIV. Jh., beschränkt. Als Lesezeichen bedienten 
sich Leser wie Kopisten drehbarer, an einem 
Faden verschiebbarer Pergamenträdchen, von de- 
nen eine Anzahl aus dem XIII. bis XV. Jh. auf- 
gefunden worden ist. 

Lit.: L. SANTIFALLER, Beiträge, S. 162 ff. Schrei- 
ben in Bogen: Ch. SAMARAN: Melanges en Pbonneur 
de M. Fr. Martroye (1940), m. Abb.; ders.: Comptes- 
rendus de l'Acad. des Inscr. et B.-L. 1950. Liniierung: 
E. K. RAND, Studies in the Script of Tours 1 (Cam- 
bridge Mass.) 1929 11—18; L. W. JONES: Transactions 
of the Am. Philol. Ass. 75 (1944) 71—86; ders.: Spe- 
culum 21 (1946) 389—403; ders.: Miscellanea Giov. 
Mercati 6 Studi e Testi 126, Vatic. (1946) 80—92. Blatt- 
zählung usw.: P. LEHMANN: ZblfBblw. 53 (1936) 
333—361, 411—442 u. MSB. 1939, 9, S. 24—26. Lese- 
zeichen: H. SCHREIBER: Otto Glauning z. 60. Ge- 
burtstag II (1938) 97—103 u. ZblfBblw. 56 (1939), 
281 ff. m. Abb. 

Format. Die Größe des Codex hängt häufig 
nicht nur von dem Umfang des Werkes oder 
der Werke ab, die er aufnimmt: im selben 
XIII. Jh. werden die fünfbändige Salemer Bibel 
(47,5X34 cm, Chroust III, 2, 1/2) und die drei- 
bändige Bibel von Bredelar (ebenso, Chroust II, 
24, 2) und andererseits die Pariser Taschenbibeln 
(vgl. New Paleographical Society, I. ser., II, 217) 
geschrieben; sie steht auch in Relation zu der 
Art des Inhalts und zur Bestimmung des Buches, 
— z. B. als Luxusexemplar, als Reisemissale oder 
für die Tischlesung. Sie beeinflußt maßgeblich 
den Schriftgrad, obwohl für bestimmte Buch- 
typen eigene Traditionen gelten (vgl. u. .gotische 
Textura'). Schon das Frühma. kennt ausgesprochen 
kleine Formate, z. B. für Taschenevangeliare 
(irisch: z. B. Cadmug-Ev. in Fulda, Abb.: W. M. 
LINDSAY, Early Irish Minuscule Script [Oxford 
1910] T. 3 u. BAESECKE, Voc. S. Galli, Taf. 2e; 
ags.: CLA 260), für Regel- und Legescodices 
(z. B. Ingolstädter Hs. der Lex Baiuvariorum, 
Faks. von K. BEYERLE, 1927), für gelehrte Notiz- 
bücher und Glossare wie die Palimpsesths. St. 
Gallen 912 und den ,Vocabularius S. Galli' (Abb. 
bei BAESECKE, Voc. S. Galli). Im ganzen aber 
überwiegt Folio in den frühma. Bibliotheken. Es 
überwiegt auch in den deutschen Büchersamm- 
lungen der Fürsten und Herren der Ritterzeit, 
deren Freude und Stolz auf den Besitz schon das 
stattliche Äußere der oft bildergeschmückten 
Bände zum Ausdruck bringt. Eines der stattlich- 
sten dt. Bücher des MA. ist die Jenaer Liederhs. 
(56X41 cm). In dem böhmischen Kloster Podla- 



sitsch aber wurde im frühen XIII. Jh. der enorme 
Codex Gigas (89,3X49 cm) geschrieben, der die 
Bibel und weitere umfangreiche Werke von Jose- 
phus, Isidor u. a. vereinigt (jetzt in Stockholm). 
Im allgemeinen nimmt der Anteil der kleinen 
Formate im Lauf der Jhh. zu. 

Auch das Verhältnis von Höhe und Breite ist 
von Tradition, Mode und Bestimmung abhängig. 
Beim antiken Codex bewegt es sich zwischen zwei 
Grenzformen, dem quadratischen Buch und einem 
schmalen Hochrechteck. Unter den frühen Perga- 
mentcodices ist ersteres verhältnismäßig häufig, 
und manche Schreibschulen der Karolingerzeit, 
z. B. Ferneres und Lorsch, ahmen es nach. Das 
Hochrechteck nimmt bisweilen geradezu extreme 
Proportionen bis zu mehr als dreimal soviel Höhe 
wie Breite an. Der Grund für die Wahl dieses 
Formates kann ein äußerlicher sein: manche litur- 
gischen Bücher, Sakramentare, Evangeliare, Tro- 
pare, Sequentiare u. a., sind im Schmalformat 
geschrieben, weil sie mit Elfenbeinplatten beklei- 
det werden sollten, wie erhaltene Stücke und alte 
Inventare beweisen (vgl. die Bamberger Gradua- 
lien A II 54 u. 55: 26,6X11,1 bzw. 27,7X10,9 
cm; Tropar aus Regensburg: 28,8X11,7 cm, 
Chroust I, 3, 5; Vita S. Liudgeri aus Werden: 
30X12,5 cm, ebd. IL 23, 4). Ebenso können 
ästhetische Momente maßgebend sein, wie bei 
den sehr schmalen einspaltigen Dichterhss. des 
XL bis XIII. Jhs. (z.B. CHATELAIN, Paleo- 
graphie des classiques latins, T. CLXII Statius 
saec. XI, XCII Ovid saec. XII), oder praktische, 
wie bei Schauspieltexten (z. B. Trierer Theoohilus 
29X10,5 cm). Auch spätma. Rechnungsbücher 
sind, wohl in Analogie zu den für Abrechnungen 
gebrauchten Wachstafeln, in der Regel sehr schmal. 
Die Beachtung der Formate ist nicht nur von 
buchgeschichtlichem Interesse; sie kann auch über 
die Stellung des Buches im Leben seiner Zeit Auf- 
schlüsse geben. Größere Regelmäßigkeit in der 
Staffelung der Formate und Proportionen bringt 
erst das Zeitalter des Papiers. 

Lit.: E. A. LOWE: Classical Quarterly 19 (1925) 
197—208 u. 22 (1928) 43—62. Schmalformat: K. 
CHRIST: ZblfBblw. 60 (1943/4) 56. 

Seiteneinteilung. Die traditionsgebundenen Re- 
geln des Buchwesens erstreckten sich auch auf die 
Einteilung der Seite und auf die ausgewogene 
Verteilung von Schriftraum und Rand. Daß man 
wenigstens in guten Skriptorien genauere Vor- 
schriften befolgte, zeigt eine aus dem IX. Jh. 
erhaltene Anleitung (E. K. RAND, Studies in 
the Script of Tours II [Cambridge Mass. 1934] 
87 f.). Dabei ist die häufige, aber für die Codex- 
form auffällige Einteilung des Schriftraums in 
zwei, und vereinzelt in drei oder vier Kolumnen 
wohl eine Reminiszenz aus dem Papyruszcitalter. 



/k 



10 



I. Sdiriftwcscn 



Ein« besondere Aufteilung machten Hss. erforder- 
lich, die einen Text und in gesondertem Schritt- 
raum die dazugehörige Auslegung enthalten. Das 
frühma. Schema dafür besteht darin, daß man sie 
in eigenen Kolumnen nebeneinanderstellt, die 
nach Bedarf verschieden breit bemessen und enger 
oder weiter liniiert werden, zum Schreiben mit 
verschiedenem Schriftgrad. Schon in karolin- 
gischer Zeit gibt es derartige Hss. nicht nur mit 
je einer Kolumne für Text und Glossen (vgl. 
Chroust II, 2, 4: Tegernseer Psalter saec. XI), 
sondern auch glossierte Psalterien mit Glossen- 
kolumnen links und rechts und mit doppelter 
Zeilenzahl (z. B. Frankfurt a. M., StB. Ausstel- 
lung: Fulda saec. IX in.). Nach diesem Schema 
hat Williram sein Hohes Lied eingerichtet (Petzet- 
Glauning 15 = Eis 16; Chroust II, 11, 6b); in 
der Lambacher Hs. saec. XII. ist das kompli- 
zierte Nebeneinander zugunsten des einfachen 
Nacheinander aufgegeben (G. SWARZENSKI, 
Die Salzburger Buchmalerei [1908] Abb. 413, 
417, 420). Seit dem XII. Jh. herrscht das Streben, 
Text und Kommentar, durch den Schriftgrad un- 
terschieden, zu einem geschlossenen Schriftblock 
zu vereinigen. Dies Ziel ist nach mancherlei Ver- 
suchen und vielleicht nach dem Vorbild griechi- 
scher Kommentarhss. am vollkommensten in den 
zweispaltigen Universitätshss. des römischen und 
kanonfschen Rechts erreicht, in denen der Kom- 
mentar den Text symmetrisch umgibt, eine An- 
ordnung, die der Frühdruck übernimmt (cum 
textu incluso). 

Die Schreibung rhetorischer Einheiten, per cola 
et commata, ist, wie in alten Bibelhss., im Tatian 
(BAESECKE, Abrogans, T. 8; Eis 8) beobachtet. 
Metrische Formen sind auch im Schriftbild ge- 
wahrt worden, soweit nicht ihr Verständnis ver- 
loren ging (wie bei Plautus und Tcrenz). Bei Ot- 
frid und im ,Ludwigslied' sind diese in der zeilen- 
weisen Schreibung der Verse nachgeahmt. Sonst 
aber werden stabende und reimende Dichtungen 
vor dem XIII. Jh. regelmäßig wie Prosa ge- 
schrieben, und die Zeilen höchstens durch Inter- 
punktion angedeutet. Die lateinische Dichtung 
des XII. Jhs., in der die paarweise gereimten 
Hexameter nicht selten sind, und die höfische 
Dichtung in Frankreich sind der dt. Dichtung 
wohl darin vorangegangen, die Reim/eilen auch 
in der Schreibung auszudrücken, was im dt. 
Schriftwesen im XIII. Jh. in Aufnahme kommt. 
Aus franz. Epenhss. des XIII. Jhs., wie sie z. B. 
Rudolf von Ems bekannt gewesen sein müssen, 
stammt wahrscheinlich auch die sehr ansehnlich 
wirkende Einteilung der Seite in drei Spalten, die 
in Hss. mhd. und mnld. Epik aus dem XIII. und 
XIV. Jh. sich des öfteren findet, während sie in 
lat. Dichterhss. nie, in lat. Prosa im späteren 



MA. äußerst selten begegnet (z.B. Clm 826, 
Wien 12600): Wolfram, Parzival: Cgm 19 

■launing 33), Zürich Car. C 182 und Arch. 
C. VI. 1, VI (6) (Parz. und Gottfried von Straß- 
burg); ders., Willehalm: Heidelberg, Heidclb. 
362 a, no. 85; Rudolf von Ems, W'cltchronik: 
Heidelberg, Pal. germ. 146; ders., Wilhelm von 
Orense: Donaueschingen 74 und 76; Ulrich von 
Türheim, Rennewart: Berlin, Germ. fol. 1313 
und 923, 30 (Abb.: DTdMA. 39); Judith, Daniel 
usw.: Stuttgart HB XIII Poet. germ. 11 (Abb.: 
DTdMA. 19 und Altdt. Textbibliothek 18); Hein- 
rich von München: Cgm 7330 (von 1394, Abb.: 
P. GICHTEL: Die W'eltchronik Hs. v. M. in der 
Runkelsteiner Hs. [1937] Beil. III); Garin le 
Loherain, mnld.: Cgm 198 und Gießen Cod. 
germ. XCVIII (Petzet-Glauning 44); (dreispal- 
tige franz. Epenhss. vgl. z. B. Recueil de fac- 
similes a l'usage de l'Ecole des Chartes, T. 762 
und Nouv. Ser., T 291; engl. Beispiel: Oxford, 
Bodl. Vernon I). Noch einmal aufgenommen 
wurde die Anlage dieser schönen mhd. Epenhss., 
als der kaiserliche Sekretär Johannes Ried für 
Maximilian die Ambraser Hs. zusammenschrieb 
(Abb. bei C. WEHMER: Archiv für Buchgewerbe 
und Gebrauchsgraphik, H. 1 [1939] S. 47; Koen- 
necke, S. 26; O. JANDA: ZblfBblw. 56, 1939, 
T. 1). Der Laune der Schreiber verdanken Schrift- 
figuren ihr Dasein. 

Lit.: Schriftfiguren: P. LEHMANN: Zs. für Buch- 
kunde 1 (1924) 74 ff. 

Einband. Zum fertigen Buche gehört ordnungs- 
gemäß der Einband, der den Schutz des Textes 
gewährleistet. Die Mehrzahl der ma. Hss. dürfte 
nicht mehr ihren ursprünglichen Einband tragen, 
sondern ein oder sogar mehrere Male neugebun- 
den worden sein. Immerhin sind jetzt selbst so- 
viele frühma. Einbände bekannt geworden, daß 
die Geschichte des ma. Bucheinbandes in den 
wesentlichen Linien klargestellt ist. Durch alle 
Epochen bestehen drei Haupttypen nebeneinan- 
der: der Prachteinband, der lederüberzogene 
Holzdeckelband und die einfache Leder- oder 
Pergamenthülle. Auf Prachteinbänden, die aus- 
schließlich den feierlichsten liturgischen Büchern 
gegeben wurden, ist, angefangen mit dem von der 
Langobardenkönigin Theodolinde gestifteten 
Deckel eines Evangcliars in Monza, das Kost- 
barste vereinigt, das zum Schmuck dienen konnte: 
Gold, Silber, Edelsteine, Perlen, antike Gemmen 
und Kameen; I ltenbcinschnitzereien, Treib- und 
Schmelzarbeiten, gravierte und ausgeschnittene 
Silberplatten sind darauf angebracht. 

Am häutigsten ist der teste, lederüberzogene 
Holzdeckelband, der vielfach Metallbeschläge als 
Eck- und Mittdstücke und an den Schließen trägt, 
und mit dem das Endstück der Kette verbunden 



11 



12 



Bischoff - Paläographie 



ist, die das Buch an seinen Ruheplatz schließt. Zu 
verschiedenen Zeiten: im IX. und X. Jh., im XII. 
und XIII. Jh. und dann wieder im XV. Jh. 
haben viele Werkstätten den Lederüberzug durch 
blind eingepreßte, oft charakteristische Stempel 
verziert; diese Stempel können zuverlässige Auf- 
schlüsse über die Geschichte der Hss. geben, wie 
überhaupt die Einbandkunde eine wichtige Hilfs- 
wissenschaft für die Handschriftenkunde ist. Spät- 
ma. ist die Kunst des Lederschnitts. Aus der glei- 
chen Zeit stammen die praktischen Buchbeutel, 
Einbände für kleine Gebetbücher mit unten lang 
herabhängendem Leder, an dem das Buch getra- 
gen und am Gürtel befestigt werden konnte. Auf 
die einfachste Art wurde das Buch durch einen 
bloßen Leder- oder Pergamentumschlag geschützt. 
Solche bescheidenen frühma. Umschläge sind aus 
Fulda — einer mit dem eingeritzten Titel in 
Runen — und aus der Reichenau erhalten. Später 
werden sie weniger für literarische Texte als für 
Kopialbücher, Rechnungsbücher u. ä. verwendet, 
aber die spätma. Bezeichnung ligaturae more 
studentium weist auch auf einen anderen Bezirk, 
in dem sie verbreitet sind. Wichtig ist es, auf die 
Einbandmakulatur und bei Papierhss. auch auf 
Pergamentfalze zu achten, die die Heftung sichern; 
nicht selten sind Handschriftenfragmente dazu 
verwendet. 

Lit.: H. LOUBIER, Der Bucheinband von seinen 
Anfängen bis zum Ende des 18. Jhs., 3 bearb. v. I. 
SCHUNKE (1956); E. PH. GOLDSCHMIDT, Gothic 
and Renaissance bookbindings (London 1928); H. 
SCHREIBER, Einführung in die Einbandkunde (1932); 
ders.: Reallexikon zur dt. Kunstgeschichte 2, Sp. 
1361—84; G. D. HOBSON: The Library 1938, S. 202 
bis 249; E. KYRISS: ZblfBblw. 63 (1949), S. 192—205; 
ders., Verzierte gotische Einbände im alten dt. Sprach- 
gebiet (1951/54); P. LEHMANN: MSB 1925, H. 3, 
S. 12 ff. Ablösen von Fragmenten: A. DOLD: Fest- 
schrift für Wolfgang Stammler (1953), S. 29 f. 

Rotuli. Die ma. Rotein aus Pergament unter- 
scheiden sich von der antiken Buchrolle grund- 
sätzlich durch die Schreibrichtung. Man schreibt 
nicht mehr in Kolumnen den langen Rändern 
parallel, sondern wie z. B. bei den ravennatischen 
Papyrusurkunden folgen die Zeilen den Schmal- 
seiten. Eine lat. liturgische Pergamentrolle stammt 
bereits aus dem VIII. Jh. (CLA 371), aus der Zeit 
Ludwigs des Deutschen die Lorscher Litanei 
(Frankfurt a. M. StB.); durch ihre Bilder, die, 
kopfständig zur Schrift, vor der Gemeinde ab- 
gerollt wurden, während der Diakon die Liturgie 
der Osternacht sang, sind die Exultet-Rotuli des 
beneventanischen Schriftgebiets merkwürdig. Als 
besonders geeignet erwiesen sich Rotein für die 
verbreiteten stammbaumähnlichen Kompendien 
der biblischen Geschichte, für Welt- und Landes- 
chroniken und Genealogien. Im Bühnenwesen hat 
die Rolle die bleibende Bezeichnung des dem 



Schauspieler zufallenden Parts hinterlassen; erhal- 
ten sind aus diesem Bereich die Rolle des Oster- 
spiels von Muri (XIII. Jh., fragm.), die Frank- 
furter Dirigierrolle des Baldemar von Peterweil 
(um 1350) und die Rolle des vierten Grabes- 
wächters in Sulmona (XIV. Jh.). Von den Rollen 
lyrischer Dichtungen, die Bilder der Liederhss. so 
oft in der Hand der Dichter zeigen, existiert in 
Deutschland noch der Münchener gereimte Liebes- 
brief (Petzet-Glauning 54). Stellt man zusam- 
men, was sonst noch auf Rollen geschrieben wurde, 
so scheint es, daß Pilger und andere wenig seß- 
hafte Leute sich gern dieser handlichen Form 
bedienten. So gibt es Rotuli von ,Mirabilia 
Romae' (Manchester JRL 71; St. Gallen 1093; 
Stuttgart Hist. 459) und ,Peregrinationes terrae 
sanetae' (J. Rosenthal, Bibliotheca medii aevi 
manuscripta II no. 173), ferner medizinische und 
alchimistische Rollen (Cgm 174; Kassel, Medic. 
8° 11; Bern, Grafen von Mülinen; Göttingen, Dt. 
Seminar III, 31), weiterhin die Wappenrollen 
zum Gebrauch der Herolde (Züricher W., saec. 
XIV, u. a.) und die Zunftrollen. Typisch sind auch 
die Totenroteln, die in den Orden von Ort zu 
Ort geschickt wurden, und die jahrhundertelang 
außer den Todesanzeigen und den Einträgen der 
aufgesuchten Klöster deren Beileidsgedichte auf- 
nahmen. Auch für Zins- und Güterverzeichnisse 
fanden sie praktische Verwendung. Als weitere 
ungewöhnliche Formen von Schriftwerken seien 
gefaltete Amulette und Kalender erwähnt. 

Lit.: WATTENBACH, Schriftwesen 3 , S. 150—174; 
L. SANTIFALLER, Beiträge, S. 153—162; A. PFAFF, 
Aus alten Kalendern (1945). 

Tahulae. Bei den Tabulae, die nur in geringer 
Zahl erhalten sind, handelt es sich um große, auch 
zusammengenähte Pergamente, die auf Rahmen 
aufgespannt oder auf Holztafeln befestigt waren. 
Sie fanden wohl vor allem in den Schulen beim 
Lese- und Rechenunterricht Verwendung. Daher 
kommt es wahrscheinlich, daß die Schulfibel des 
Spätma., die die gewöhnliche Buchform hatte, die 
Bezeichnung tabula trug. Auch Kloster- und Welt- 
chroniken sind in dieser Form angelegt (z. B. Ber- 
lin Lat. fol. 325, vgl. Rose no. 876). 

Lit.:G.H. GEROULD: Speculum 1 (1926) S. 439 ff.; 
FL. A. FELDHAM; ebd. 3 (1928) S. 240; B. BISCHOFF: 
Classical and Mediaeval Studies in honor of E. K. Rand 
(New York 1938) S. 10 f. 

Urkunden und Briefe. Auf keinem anderen 
Gebiet des Schriftwesens herrschen so viele be- 
sondere Traditionen wie auf dem des ma. Ur- 
kundenwesens, das sich aus römischen Formen 
der Beurkundung und Beglaubigung entwickelt. 
Auch wo es in germanische Hände übergeht, 
werden nicht nur im Formular, sondern auch im 
Äußeren Merkmale antiker Urkunden fcstgehal- 



13 



14 



riftwcsen 



ten. Dazu gehören die Verwendung des Papyrui 
für die Diplome der Merovinger bis ins VII. Jh., 
in den dann das Pergament .in die Stelle tritt, 
und eigenhändige Grußformeln oder die Unter- 
schrift des Ausstellers. Die eigenhändige Unter- 
schritt, die die merovingischen Könige noch leisten 
konnten, wurde seit Pippin durch eine bloße 
Ergänzung eines Kreuzes oder den Vollziehungs- 
strich im Monogramm des Königsnamens erset/t. 
Schon die merovingischen Königsurkunden sind 
außerdem durch das aufgedrückte Wachssiegel be- 
glaubigt. Die äußere Form ist die im ganzen 
MA. für Urkunden normale, nämlich das ein- 
seitig beschriebene Blatt. Neben den mit ver- 
längerter Schrift geschriebenen Diplomen bediente 
sich die Kanzlei, für den allgemeinen Schrift- 
verkehr und die Rechtspflege einfacherer Urkun- 
denformen, die dem Brief oder der Privaturkundc 
verwandt sind, auch im Verzicht auf die verlän- 
gerte Schrift. Von der Stauferzeit an wird die 
Ausstattung der Diplome abgestuft, und es treten 
vor allem zwei Klassen königlicher Briefe (litterae 
patentes und /. clausae) heraus. 

Als direkte Ausläufer römischen Urkunden- 
wesens nehmen die ravennatischen Urkunden auf 
Papyrus eine Sonderstellung ein. Die Überliefe- 
rung der frühma. Privaturkunden ist sehr spär- 
lich. Nur das Archiv von St. Gallen, dessen Ori- 
ginalurkunden mit 744 beginnen, bildet eine kost- 
bare Ausnahme. Im übrigen hängt die Überliefe- 
rung der frühma. Privaturkunden hauptsächlich 
von den wertvollen Kopiensammlungen (Tradi- 
tionsbüchern u. a.) ab, die schon im IX. Jh. von 
Kirchen und Klöstern zur Sicherung ihres Be- 
sitzes angelegt worden sind und laufend weiter- 
geführt wurden, zumal in den Zeiten der „Schrift- 
losigkeit" (X. und XI. Jh.) und des Zeugen- 
beweises, in denen statt der Ausfertigung einer 
formalen Urkunde eine notitia (Einzelakt) oder 
auch nur die Eintragung einer solchen in den 
Traditionscodex oder selbst z. B. in ein Evangeliar 
als ausreichend galt. 

Neue Formen der gesicherten und beglaubigten 
Urkunde waren das Chirographum und die pri- 
vate Siegelurkunde. Bei jenem wurde der Ur- 
kundentext zwei- oder dreimal auf einem zu- 
sammenhängenden Blatt ausgefertigt; zwischen 
die Texte wurde CIROGRAPHUM oder ein an- 
deres Wort geschrieben und das Pergament dann 
an dieser Stelle durch das Wort hindurch gerade 
oder im Zahnschnitt geteilt (Arndt-TangH 87). Das 
Chirographum stammt aus England und hat sich 
seit dem X. Jh. auf dem Festland verbreitet; 
ähnliche Formen der Beglaubigung haben sich bis 
in die Neuzeit erhalten. Die Beglaubigung der 
Urkunde durch das Siegel, die bei den Königs- 
urkunden üblich war, ist bei niditköniglichen 



Urkunden seit dem X. Jh. nachweisbar. AI 
meinste Anwendung findet sie seit dem XII. Jh. 
Unter Friedrich I. führt die kaiserliche Kanzlei 
den Brauch ein, das '■ gel anzuhängen statt 

aufzudrücken, was für Metallsiegcl (Bullen) seit 
deren erster Verwendung an Diplomen im IX. 
Jh. das Gegebene gewesen war. 

Im Spätma. herrscht neben der privaten Sic- 
gclurkunde das Notariatsinstrument vor. Ei ent- 
steht unter dem Einfluß des römischen und kano- 
nischen Redits; die Urkunde wird von dem Notar 
durch seine Untersdirift und sein Zeiche: 
riatssignet) beglaubigt, in Deutschland außerdem 
noch häufig mit einem Siegel versehen. Dcutsdi 
kommt seit der 1. Hälfte des XIII. Jhs. als Ur- 
kundensprache zur Anwendung: die älteste dt. 
Privaturkunde (Wilhelm Nr. 5c) stammt von 
1238, die älteste dt. Königsurkunde (Wilhelm 
Nr. 7) von 1240. Doch wird der Gebrauch des 
Deutschen noch 1275 von Konrad von Mure nur 
mit Einschränkungen zugelassen (Quellen u. Er- 
örterungen z. bayer. u. dt. Geschichte IX, 1 
[1863] S. 473). 

Der ma. Privatbrief war ein gefaltetes Per- 
gamentblatt, das mit einer durchgezogenen Schnur 
oder einem Pergamentstreifen geschlossen wurde; 
auf diese wurde das Siegel gedrückt. Im Spätma. 
ist die Verwendung von Papier allgemein. 

Lit.: H. BRESSLAU— H. \V. KLtWITZ. Hand^ 
buch der Urkundenlchre für Deutschland und Italien* 
I/II (1912—31); FR. WILHELM, Corpus der altdeut- 
schen Originalurkunden bis zum Jahre 1300 (1932 ff.); 
H. HIRSCH: MIÖG. 52 (1938) 227 ff. - Briefe: C. 
FRDMANN: Deutsches Archiv 3 (1939) S. 424 ff. 

3. Die Schreiber und das Schreiben. 
Miniatoren 

Noch die Spätantike kennt den Buchhandel 
und den berufsmäßigen Schreiber und Hersteller 
von Büchern. Im VI. Jh. wird, höchstwahrschein- 
lich in Ravenna, der Orosius der Laurenziana 
(CLA 298) geschrieben, mit der Subskription: 
Confcctus codex in >tatione Viliaric antiquarii, 
also in der Offizin eines Ostgoten, dessen Iden- 
tität mit dem Yiljarith hol ner Ravenna- 
tischen Urkunde vom Jahr 551 vermutet werden 
darf. Audi bei den Rcchtssdiulen dc>> Westens 
(wohl hauptsächlich I von) wie denen des Ostens 
(Konstantinopel) sdieint noch im VI. Jh. die 
berufsmäßige und sogar offiziöse Vervielfältigung 
der Geset/büdicr, des Codex Theodosianus bzw. 
Iustinianus, üblidi gewesen zu sein. Zugleich aber 
bahnt sich im VI. Jh. schon entsdiieden der Über- 
gang des Bücherhandwerks in geistliche Hände, 
der Mönche vor allem, an. Cassiodor empfiehlt in 
den Jnstitutioncs' seinen Mönchen das Schreiben 
als verdienstvolles Werk; so wird es zur aske- 
tischen Übung. Vom VI. bis ins XII. Jh. ist zwei- 



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16 



Bischoff - Paläographie 



feilos der allergrößte Teil der Hss. in Klöstern 
und Stiften geschrieben worden; am ehesten mag 
man für Rechtshss. die Fertigung durch Laien, 
Notare und Gerichtsschreiber, annehmen. 

In der Karolingerzeit, in der die Bücherpro- 
duktion gewaltig anwächst, waren die Skriptorien 
Herzstücke der Klöster; besonders in Corbie, wo 
im späten VIII. Jh. der ,Liber Glossarum' ver- 
vielfältigt wurde, und in St. Martin in Tours, von 
wo aus die einbändigen Bibeln verbreitet wurden, 
müssen große Schreibergemeinschaften am "Werk 
gewesen sein. Häufig sind die Lagen zum Zwecke 
gleichzeitigen Arbeitens verteilt worden, und un- 
auffällige Vermerke bestätigen diese Arbeitstei- 
lung. Das geschah auch, wenn ein Werk rasch 
kopiert werden mußte (z. B. die Bamberger Bebo- 
Hs. von 1021; Chroust I, 21, 1). Auch in ein- 
zelnen Frauenklöstern wurde das Schreiben neben 
den üblichen Handfertigkeiten besonders gepflegt, 
so schon um 800 in der bedeutenden Abtei Chelles 
bei Paris (hier wurden geschrieben Köln, Dom- 
bibl. 63, 65, 67: Chroust II, 6, 10; L. W. JONES, 
The script of Cologne from Hildebald to Her- 
mann [Cambridge Mass. 1932] Taf. 67 — 71; jün- 
gere Codices von Nonnenhand sind z. B. die 
Münchener Hrotsviths. (Koennecke S. 14) und der 
1870 in Straßburg verbrannte ,Hortus deliciarum' 
der Herrad von Landsberg. In ihrer Klause 
schrieb die „arme Engelbirn" (Petzet-Glauning 21). 

Eine eigene Klasse von Berufsschreibern kam 
mit der Organisation der ma. Universitäten um 
1200 auf. Zur Wahrung der Zuverlässigkeit der 
an den Universitäten benötigten Texte wurden 
revidierte Normalexemplare hergestellt, die bei 
den vereidigten Stationarii hinterlegt wurden. In 
Lagen von je zwei Doppelblättern (peclae) auf- 
gelöst, wurden diese an Berufsschreiber zur Her- 
stellung von Kopien ausgegeben, die von Univer- 
sitäts wegen überprüft wurden; die Entlohnung 
der Arbeit erfolgte auf Grund der Pecien. Auch 
die ältesten dt. Universitäten übernahmen die 
Einrichtung des Stationariats, die hier jedoch 
nicht mehr die Bedeutung wie in Bologna, Paris, 
Oxford und Neapel erlangte; vielmehr wurde in 
Deutschland die Universitätsliteratur vorwiegend 
von den Studenten selbst nach Diktat der Magi- 
ster und Bakkalare geschrieben. 

Das Schreiben ist aber im Spätma. nicht mehr 
wie bis zum XII. Jh. ausschließlicher Besitz der 
lateinisch gebildeten Schichten. Die Stellung der 
Schrift in der Kultur, die „Schriftlichkeit" der 
Kultur, wird eine andere. Religiöse, z. T. außer- 
kirchliche Bewegungen tragen den Wunsch, des 
Lesens und der Schrift mächtig zu werden, in 
die Kreise der Laien. Auch das Interesse an der 
dt. Literatur wirkt in gleicher Richtung; die dt. 
Dichtung ist vielfach von Gelegenheitsschreibern 



an Fürstenhöfen und auf Herrensitzen abge- 
schrieben worden, und zahlreiche Unterschriften 
nennen Schreiber, Auftraggeber und Entstehungs- 
ort. Der gesteigerte Handel und der Übergang 
zur Geldwirtschaft machen eine Buchführung der 
Kaufleute erforderlich. Der Schreibunterricht wird 
allgemeiner, und ein Buchgewerbe mit neuen Auf- 
gaben richtet sich in den Städten ein. In diesem 
nehmen die Brüder vom gemeinen Leben (Frater- 
herren) einen bedeutenden Platz ein, deren erstes 
Haus in Deventer im Jahre 1386 gestiftet wurde. 
Im Abschreiben von geistlichen Schriften, vorzüg- 
lich von solchen in der Landessprache, und Wer- 
ken der Kirchenväter sehen sie ihren Beruf und 
erwerben ihren Unterhalt damit. Ihre Tätigkeit 
verschaffte ihnen den Namen broeders van de 
penne. Sie und die ihnen geistesverwandten 
Windesheimer verbreiteten sich weit über Nord- 
deutschland; zu diesen gehörte Thomas a Kempis, 
von dem in Darmstadt eine eigenhändig geschrie- 
bene lat. Bibel erhalten ist (Abb.: H. ROST, Die 
Bibel im MA. [1939] S. 27). 

Auch in Süddeutschland bildet sich ein festes 
Buchgewerbe aus. Aus verschiedenen südwest- 
deutschen Städten sind Werkstätten bekannt, in 
denen besonders dt. Bücher geschrieben und z. T. 
auch illuminiert wurden: aus Straßburg (1418 — 21 
rd. 10 Hss.) und Konstanz (Hss. der Richental- 
Chronik von Gerhard Dacher); von der Werkstatt 
des Diebold Lauber in Hagenau (1425 — 1467) 
sind über 50 Hss. und zwei Verlagsverzeichnisse 
erhalten. Einer schwäbischen Werkstatt der 70er 
und 80er Jahre, mit dem Schreiber Ludwig Henf- 
lin, gehören rd. 10 Hss. Aus der Produktion die- 
ser Werkstätten und den Subskriptionen der dt. 
Hss. überhaupt ergeben sich Rückschlüsse auf den 
Geschmack der Käuferkreise: im Elsaß, der Pfalz 
und am Oberrhein werden Heldenepen und 
Prosabearbeitungen bevorzugt, in Bayern und 
Österreich Lehrgedicht, Didaktik und Fabeln, in 
Schwaben beides, während in Niederdeutschland 
fast nur religiöse Literatur, Chroniken und 
Rechtsbücher geschrieben werden. 

Neben diesen Verlagen handschriftlicher Bücher 
arbeiten auf eigene Rechnung bürgerliche Schrei- 
ber, die im XV. Jh. häufig als catbedrales oder 
„Stuhlschreiber" bezeichnet werden, und die auch 
für Klöster größere Folianten geschrieben haben, 
wie Heinrich Molitor für Scheyern und Tcgcrn- 
see. Auch Frauen sind als Schreiberinnen tätig 
gewesen, z. B. Klara Hätzlcrin in Augsburg. Un- 
ter den klösterlichen Schreibern nimmt der Bene- 
diktiner Leonhard Wagner von St. Ulrich und 
Afra in Augsburg (f 1522) eine besondere Stel- 
lung ein, da er wie ein echter Schreibmeister in 
der für Maximilian bestimmten ,Proba scriptu- 
rarum' 100 Schriftarten sammelte bzw. erfand. 



17 



18 



I. Scbriftwcsen 



Im allgemeinen bezeichnet jedoch „Schreib- 
meister" die Schreiblehrer aus dem Laienstande; 
durch große Blätter mit Schriftmustern, von denen 
einige erhaltene uns wichtige Kenntnisse nu. 
Schriftterminologie vermitteln, warben sie für 
ihre Kunst. Es waren noch Meister ma. Schrift- 
kunst, die für die Letternschneider der Frühdruck- 
zeit die Vorlagen schrieben, wie Heinrich Molitor 
für Günther Zainers Typen. Dann gab der Buch- 
druck dem handschriftlichen Buchgewerbe den 
Todesstoß. Vergebens pries Johannes Trithemius 
das Absdirciben als mönchische Arbeit; es war 
sinnlos geworden. Nur der Stand der Schreib- 
meister lebte in der Neuzeit fort. 

Über die Technik des Schreibens sagen die 
literarischen Quellen so gut wie nichts. Schreiber- 
bilder, Evangelistenbilder im besonderen, illu- 
strieren in großer Zahl die Handhaltung: mit drei 
ausgestreckten Fingern (tres digiti scribunt) und 
zwei eingeschlagenen, die Hand nur auf dem 
kleinen Finger ruhend, — ohne Aufstützen des 
Unterarms. Während die Haltung der Feder und 
der Federschnitt in den Zeiten und nach den 
großen Schriftgebieten gewechselt haben, wie die 
physiologische Analyse der Schrift zeigt, ist diese 
von modernem Schreiben grundsätzlich unter- 
schiedene Unterstützung der Schreibhand bis zu 
den Schreibmeistern des XVI. Jhs. dieselbe ge- 
blieben. Am Ende ihrer Arbeit haben die Schrei- 
ber sich oft in frommen und oft in sehr welt- 
lichen Versen und Nachschriften Luft gemacht. 

Der Schreibunterricht war hart, sein Ergebnis 
eine meist unpersönliche Schulschrift; dem wider- 
spricht nicht, daß so manches erhaltene Autograph 
eines ma. Schriftstellers den Reiz des Persönlichen 
und der Einmaligkeit ausstrahlt (vgl. P. LEH- 
MANN, Erforschung des MAs. [1941] S. 359— 
380; B. BISCHOFF: Aus der Welt des Buches, 
ZblfBblw, Beih. 75, S. 30—48). Über den Aufbau 
des Unterrichts läßt sich aus Federproben man- 
ches ablesen. Im Zeitalter der Schreibmeister wur- 
den die Buchstaben nach ihren Bausteinen, den 
„Zerstreuungen", klassifiziert, die einzeln geübt 
wurden. Für den Unterricht im Gebrauch der 
Abkürzungen sind schon im MA. elementare 
schriftliche Anweisungen zusammengestellt wor- 
den; die einläßlichste der erhaltenen stammt viel- 
leicht aus den Kreisen der Brüder des gemeinen 
Lebens. Den Abschreibern dt. Bücher wird in 
.spätma. Äußerungen Genauigkeit besonders ans 
Herz gelegt. 

Einfacher Buchschmuck, ■/.. B. mit der Feder 
gc/cichnetc Initialen, konnte vom Schreiber selbst 
eingesetzt werden. Je mehr aber die ma. Budi- 
kunst sich der Malerei bediente und besondere 
Techniken erforderte, um so häufiger wird die 
Aussdimückung eigenen Meistern vorbehalten ge- 



ll sein, und in Subskriptionen ist der Arbeit 
des Budimalers nicht selten eigens gedacht. Ein- 
zelne Künstler sind an verschiedenen Ortet 
verfolgen, so der ottonische Grcgorius-Meistcr. 

Der Schreiber bemerkt für die spätere Illu- 
minierung, was in dem ausgesparten Raum dar- 
gestellt werden soll (so schon in den Quedlin- 
burger Itala-Miniaturcn saec. V.; häufig im spä- 
teren MA.), ebenso wie die farbig einzusetzenden 
Initialen und Überschriften in feiner Schrift, viel- 
fach am äußeren Rande, vorgemerkt werden. 
Musterbücher haben die Illustration erleichtert 
und ikonographische Typen verbreitet. Initial- 
und Versalicnalphabete wurden von den Schreib- 
meistern auf ihre Werbeblätter aufgenommen, die 
wohl auch in der Anfertigung schablonenmäßiger 
Bordüren unterrichteten. Im Spätma. sind illu- 
strierte Hss. im organisierten Werkstättenbetrieb 
hergestellt worden, z. B. bei Diebold Lauber in 
Hagenau. 

Lit.: Schreiber: WATTENBACH, Schriftwcsen», 
S. 416 ff. - Stationariat: J. DESTREZ, La pecia dans les 
manuscrits universitaires du Xllle et du XlVe siecle 
(Paris 1935); K. CHRIST: ZblfBblw. 55 (1938) S. 1—44. 
- Brüder vom gemeinen Leben u. Wndesheimer: B. 
KRUITWAGEN, Laatmiddeleeuwsche Palaeografica, 
Palaeotypica, Liturgica, Kalendalia, Grammaticalia 
('s-Gravenhage 1942) S. 23-78. - Diebold Lauber: R. 
KAUTZSCH: ZblfBblw. 12 (1895) u. W. FECHTER: 
ebd. 55 (1938), S. 121-146; Leonliard Wagner: C WEH- 
MER: Beiträge zu Inkunabelkunde, N.F. 1 (1935) S.78 
bis 111 u. 2 (1938) S. 153—167; Heinrich Molitor: C 
WEHMER a.a.O. 2. S. 108—127. - Auftraggeber und 
Leser: H. WEGENER: Ma. Hss.. Festgabe f. H. Dege- 
ring (1926) S. 316 ff.; H. HATDU: Lesen und Schreiben 
im Spätm. (Pecs 1931); W. FECHTER, Das Publikum 
der mhd. Dichtung (1935); W. SCHMIDT. Die vier- 
undzwanzig Alten Ottos v. Passau (193S) S. 298 ff., bes. 
S. 308 f. Anm.. - Schreibmeister: C WEHMER: Archiv 
f. Buchgewerbe u. Gebrauchsgraphik 1939, S. 37 — 58; 
ders.: Miscellanea Giov. Mcrcati 6 (Studi e Testi 126. 
Vatic. 1946) S. 147—161; B. KRUITWAGEN, a.a.O.. 
S. 1—22. - Schreiben: H. FICHTENAU, Mensch und 
Schrift im MA. (Wien 1946) S. 58 ff., 166 Anm. - Schrei- 
berverse: WATTENBACH, Schrift wesen», S. 494 ff.; I. 
KLAPPER: Mitt. d. Sd^cs.Ges. f. Volkskunde 19 (1917) 
S. 1 ff.; L. THORNDYKE: Spcculum 12 (1937) S. 268; 
G. PPANNMÜLLER: Nunquam retrorsum. Beiträge z. 
Sdirift- und Budikunde als Ehrengabe f. Albert Schramm 
(1930) S. 71 f. - Sdireibunterricht: B. BISCHOFF: Clas- 
sical and mediaeval Studies in honor of F. K. Rand 
(New York 1938) S. 9—20; ders.: Ein neuentdeckter 
Modus scribendi d. XV. Ihs. aus der Abtei Melk (1939) 
(engl. Bearbeitung: S. H. STEINBERG, A fifteenth 
centurv Modus scribendi from the abbev of Melk, Cam- 
bridge 1940); S. H. STEINBERG: Speculum 16 (1941). 
S. 210—215; St. HAJNAL, L'Ensrignement de Vecriturc 
aitx universitii midiivaUs (Budapest 1954). - Abkür- 
EUngslehren: P. LEHMANN, Sammlungen u. Erörte- 
rungen lat. Abkürzungen in Altertum u. MA.: Abh. d. 
Bayer, Akad. d. Wiss., phil.-hist. Abt., N. F. 3 (1929, zu 
Text no. 3: B. KRUITWAGEN, a.a.O. S. 43 f.) - Ab- 
schre.ben dt. Bücher: E. SCHRÖDER: ZfdA. 63 (1926) 
S. 128; W. STAMM! ER, Prosa der dt. Gotik (1933) 
no. 7; J. LECHNER, Die spätm. Handschriftengeschichte 
d. Bencdiktincrinncnabtei St. Walburg/Eichstätt (1937), 



19 



20 



Bischoff - Paläographie 



S. 89 f. - Miniatoren: WATTENBACH, Schriftwesen 3 , 
S. 344—386; A. BOECKLER— H. WEGENER: Real- 
lexikon zur dt. Kunstgeschichte 2, Sp. 1420 — 1524. 

II. Geschichte der lateinischen und deutschen 
Schreibschrift bis zum Ende des Mittelalters 

1. Die römischen Schriftarten 

a) Capitalis 

Die lateinische Schrift hat zuerst in den In- 
schriften der frühen Kaiserzeit eine unvergäng- 
liche Gestaltung erfahren. Diese scriptura monu- 
mentalis freilich, mit ihren an- und abschwellen- 
den Rundungen, ihren festgegründeten, sicher 
ruhenden Hasten und ihren Sporen, die im gro- 
ßen Alphabet der lateinischen Druckschrift fort- 
lebt, ist keine Schreibschrift mehr, wenn auch der 
lateinischen Schreibschrift ein rein epigraphisches 
Schriftwesen vorausgegangen sein dürfte. Dage- 
gen hat eine zwanglosere, schmälere Schrift, die 
seit dem I. Jh. v. Chr. neben der Monumentalis 
in Inschriften erscheint, mit einem einfachen 
Wechselspiel von Haar- und Schattenstrichen ihr 
genaues Gegenstück in der Schreibschrift. Sie 
kann ebenso mit dem Pinsel auf die Wand gewor- 
fen wie mit der gespaltenen Feder geschrieben 
werden; scriptura actuaria der Epigraphik, ist sie 
die Capitalis rustica kalligraphischer Hss. (CLA 
385, 386, 387: herkulanensische Papyri, vor 79 
n. Chr.). Die Rustica hat gefällige, harmonische 
Formen und einen klaren graphischen Aufbau; sie 
muß jahrhundertelang die Schrift der römischen 
Kalligraphie gewesen sein. Im IV. und V. Jh., 
mit denen dank dem Übergang des Schriftwesens 
vom Papyrus zum Pergament die abendländische 
Überlieferung einsetzt, treten schon andere Schrift- 
arten mit ihr in Konkurrenz, und sie scheint 
mehr und mehr auf die Verwendung für Klassi- 
kertexte zurückgedrängt zu werden, von der tra- 
ditionsstolzen Schicht des Römertums vielleicht 
bewußt festgehalten. Wie die üppigere Capitalis 
quadrata, die eine künstliche Nachahmung monu- 
mentaler Capitalis ist, ist sie für Luxushss. der 
Dichter verwendet worden, daher wohl ihr Name 
litterae Virgilianae. Als die klassische römische 
Schrift, als dekorative Schrift für Reinschriften, 
zuletzt noch als traditionelle Schrift des römi- 
schen Buchhandels ist die Rustica bis in das spä- 
teste Altertum am Leben geblieben und hat ihre 
Form, von geringfügigen Schwankungen bei ein- 
zelnen Buchstaben (G, H, K) abgesehen, unver- 
ändert bewahrt. Mit dem Erlöschen der welt- 
lichen römischen Kultur im VI. Jh. stirbt sie aus; 
die historisierende Karolingerzeit aber nimmt sie 
als Auszeichnungsschrift wieder in den Kanon 
der Schriftarten auf nach ags. Vorgang. 



b) Ältere und jüngere römische Kursive 
Außerhalb der angedeuteten formerhaltenden 

Bereiche hatte die Schrift inzwischen in der Fort- 
entwicklung als Kursive größte Veränderungen 
durchgemacht. Schon ungefähr gleichzeitig mit 
dem Einsetzen unserer ältesten nicht inschriftlichen 
Denkmäler am Ende des I. vorchristlichen 
Jhs. zeigt sie sich da, wo sie dem Alltag dient, 
und selbst in literarischen Hss. von einer unauf- 
haltsamen Wandlung ergriffen; diese ist von einer 
Beschleunigung des Schreibens ausgelöst und folgt 
dessen natürlicher Dynamik. Vereinfachung und 
andersartige Zusammenfassung der Bausteine der 
Einzelbuchstaben (Richtungsänderung), Verlage- 
rung der Intensität, Verbindung von Buchstaben, 
die die Richtungsänderung begünstigt, Mitschrei- 
ben der „Luftlinien" — Erscheinungen, die auch 
in anderen Epochen der Schriftgeschichte Einzel- 
formen und Schrifttextur beeinflussen — begleiten 
die organische Geschichte der Kursive. Eine beson- 
ders große Veränderung zeigen die lateinischen 
Papyri seit dem Ende des III. Jhs. Die Schrift 
ist nun vorwiegend schmal und aufgerichtet, so 
daß die nunmehr ausgebildeten Oberlängen von 
b, d, h, i, 1 und Unterlängen von g, p, q über 
und unter die Zone der Buchstaben mittlerer 
Länge hinausragen. Die kapitale Ausgangsform 
ist bei fast allen Buchstaben grundlegend ver- 
ändert, die Schrift ist zu einem Minuskelalphabet 
geworden; so wird diese Schrift der älteren römi- 
schen oder Majuskelkursive als jüngere oder 
Minuskelkursive gegenübergestellt, obwohl sie 
ohne Bruch daraus entstanden ist. Seit dem III. / 
IV. Jh. ist die Buchstabenstruktur der Kursive 
zu einem gewissen Abschluß gelangt; doch ist die 
Schrift der verschiedenartigsten Stilisierung zu- 
gänglich, und im Osten lassen sich dieselben Mo- 
den im griechischen und im lateinischen Schrift- 
wesen verfolgen. 

c) Unziale 

Die Kursive lebt nicht nur als Gebrauchs- und 
Geschäftsschrift, aus ihr erneuert sich auch die 
Buchschrift, indem neue kalligraphische Schrift- 
arten hervorgebracht werden. Man hat sich den 
Vorgang wohl so vorzustellen, daß zu verschiede- 
nen Zeiten die fließenden, raschen Formen der 
Alltagsschrift wieder verdichtet werden, um die 
Kluft zwischen ihr und der traditionellen Buch- 
schrift zu überbrücken, jedoch im Sinne einer 
zeitgemäßeren Schrift. Die aus festen Einzel- 
formen bestehende, nicht ligierte Capitalis spricht 
als Leitbild mit, und die für die Kalligraphie 
notwendige Auflösung der ohne Absetzen ge- 
schriebenen Buchstaben in Einzelzüge mit Feder- 
druck kanonisiert die gewandelten Formen und 
macht sie zugleich gedrungener. Eine zweite Frage 



21 



22 



II Gcsdmhtc der lateinischen und deutschen Schreibschrift bis zum Ende des Mittelalters 



uch soldicr Verdichtung, die 

ung eines individuellen Schreibers, deren es 

vom 11. bis V. Jh. mehrere gegeben haben muß, 
sich durchsetzt und zur Sdirittart wird. Zweifel- 
los spielt dabei die Rezeption durch den Budi- 
handel eine Rolle. Wohl im III. Jh., jedenfalls 
bevor die Kursive in die Phase der Minuskel- 
kursive einmündet, crwadisen auf diese Weise 
zwei Schriftarten: die Unziale und die bd-Un- 
ziale oder archaische Halbunziale. Beide haben 
nicht nur in gerader Form, sondern auch in kleiner 
schräger Stilisierung Verwendung gefunden. Die 
bd-Unziale ist nur durch wenige, altertümliche 
oder provinzielle Denkmaler bezeugt. 

Die Unziale aber ist zu einer der großen 
Schriftarten des ausgehenden Altertums und des 
Frühma. geworden. Ihre Buchstabenformen, 
auch jene, durch die sie sich von der Capitalis 
unterscheidet: . % . 

sind sämtlich aus der Majuskclkursive abzulei- 
ten, mit zwei Ausnahmen, B und R; diese Buch- 
staben sind bewußt aus der Capitalis genom- 
men — wahrscheinlich, um zu ähnliche Formen 

mit 

O bzw. A 

die bei der „Verdichtung" sich ergeben konnten 
oder mußten, zu vermeiden. In der Gesamt- 
erscheinung ist die runde Unziale der griechi- 
schen „Bibelunziale" so verwandt, daß eine gleich- 
gerichtete Gestaltung vorzuliegen scheint. Auch 
daß sie zuerst von den Christen im Gegensatz zu 
der durch Tradition mit der römischen Literatur 
verbundenen Capitalis aufgenommen und ver- 
breitet, vielleicht sogar geschaffen wurde, dürfte 
zutreffen. Der Name, zuerst von Hieronymus in 
satirischer Absicht gebraucht (,Prol. in lob'), ist 
vielleicht noch im Altertum zum Sdiriftnamen 
geworden. 

Bis ins VIII. Jh. ist die Unziale, die nach Län- 
dern und Zeiten recht verschiedener Stilisierung 
und allmählicher Entartung unterlag, in ununter- 
brochener Tradition auf dem Festland gepflegt 
worden. Sie scheint ein besonderes Privileg genos- 
sen zu haben, da für Evangelienhss. fast aus- 
schließlich sie verwendet worden ist. Für andere 
Sdiriftarten wurde sie zur Auszeichnungsschrift. 
Mit der Mission Gregors d. Gr. und seiner Nadi- 
folgcr wurde die Unziale auch nach England 
verpflanzt; in ihr sind Bibel- und Väterhss., so 
der Codex Amiatinus der Vulgata um 700 in 
dem Dorthumbrischen Wearmouth oder Yarrow 
(CLA 299), geschrieben worden, merkwürdiger- 
weise aber auch Urkunden. In der karolingischen 
Reform wurde die entartete Schritt durch ein 
Zurückgreifen auf spätrömische Vorbilder er- 
neuert; damals war sie nicht nur die beliebteste 



Auszeichnungsschrift, sondern sie wurde auch als 
Textschrift für liturgische Codices \ erwendet. Ein 
Spätling aus ottonischer Zeit ist das Reichenaucr 
Eburnant-Sakramentar in Solothurn. 

d) Halbunziale 

Die letzte Schriftart, die sich spätestens im 
IV. Jh. von der Kursive abzweigt, ist die Halb- 
unziale. Sie scheint ein enges Verhältnis zu der 
„archaischen Halbunziale" vorauszusetzen, die be- 
reits die Minuskelformen von b und d aufge- 
nommen hat; ihr Alphabet mit 

a , b, d, 5 , m, N, r, r , r , 
entspricht nahezu der endgültigen Minuskel- 
kursive, die jedoch in ihrer letzten Phase all- 
gemein zu der Form n übergeht. Das Vierlinien- 
schema ist der Minuskelkursive und der Halb- 
unziale gemeinsam. Der alte Name litterae 
Africanae deutet auf die Herkunft: die all 
ausdrückliche Datierung in einer Halbunzialhs., 
dem Hilarius von St. Peter (CLA 1 a), stammt 
aus einem Kreis nach Sardinien verbannter afri- 
kanischer Bischöfe und nennt das 14. Jahr des 
Vandalenkönigs Transamund (509 510 n. Chr.). 
Die Schrift ist bis ins VIII. Jh. weit verbreitet 
gewesen, doch nur wenige Schriftzentren (wie 
Ravenna, Verona, Corbie) scheinen sie der Un- 
ziale vorgezogen zu haben. In Corbie wird sie 
von der karolingischen Minuskel abgelöst (s. u.); 
in Tours und einigen von dort beeinflußten 
Stätten (z. B. Fulda, Salzburg, Freising; 5 und 
N im Augsburger Gebet, Petzet-Glauning 10) 
wird sie als Auszeichnungsschrift ins IX. Jh. 
hinübergerettet. 

Außerhalb der Welt der Bücher herrscht in 
der Spätantike die Kursive, die aber auch in 
Randbemerkungen, Schulkommentaren usw. — 
in maßvollerer Form — auftritt (vgl. z. B. die 
Eintragungen über Ulfilas und seine Lehre in 
Paris Lat. 8907, CLA 572; Faks.: FR. KAUF- 
MANN, Aus der Schule des Wulfila, 1899); audi 
gibt es in Schulbüchern Mischformen zwischen 
Kursive und Budisdiriftcn (vgl. z.B. CLA 397a, 
398, 462). 

Lit. zu a) bis d): L. SCHIAPARJ LLI, La Krittnra 
latina neu' ctä romana (Como 1921); LEHMANN, 
Paläographie, S. 40—48; R. MARICHAL bei M. 
AUDIN, Sommc typographique I (Paris 1948), 
S. 63 — 111 (hier ist eine von der oben ausgesprochenen 
Überzeugung abweichende Theorie entwickelt]; BAT- 
TELLI, Lezionr», S. 54—94; 1 MALLON 
graphU Ronuüne (Madrid 1952); J.-O. TJÄDER, Die 
nichtliterarischen lat. Papyri Italiens usw. 1 (Lund 
1955), S. 86— 120. 

e) Die Tirortisdicn Nou 

Die Übersicht über die lateinischen Schritt- 
arten des Altertums wäre unvollständig ohne 
Erwähnung der Kurzschrift, der Tironischen 






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24 



Bischoff - Paläographie 



Noten. Die Anfänge gehen auf M. Tullius Tiro, 
Ciceros Privatsekretär, zurück. Sie war ein fester 
Besitz der römischen Zivilisation; ihre Zeichen 
sind in einer Sammlung von etwa 13 000 Stück 
kodifiziert (,Commentarii notarum Tironiana- 
rum 1 ). Im Merovingerreich wurden die Tironi- 
schen Noten vor allem in der königlichen Kanzlei 
angewandt, verwilderten jedoch; in der Karolin- 
gerzeit verbreitete sich die Kenntnis des gereinig- 
ten Systems auch über die Klosterschulen fast im 
ganzen Reich, wenn auch nur für wenige Gene- 
rationen, und dies in Deutschland sehr viel spär- 
licher als in Frankreich. Daneben entwickelten 
sich im Frühma. andere Systeme auf der gleichen 
Grundlage. Der römischen Kurzschrift ist neben 
anderen Abkürzungszeichen das ~\ — et ent- 
nommen, das für das Bindewort auch im iri- 
schen, ags. und anord. Schriftwesen gebraucht 
wird (im Wessobrunner Gebet = enti, Petzet- 
Glauning 1). 

Lit.: W. SCHMITZ, Commentarii notarum Tironia- 
narum (1893); E. CHATELAIN, Introduction ä la 
lecture des notes tironiennes (Paris 1900); CHR. JOH- 
NEN, Geschichte der Stenographie I (1911); A.MENTZ, 
Die Tironischen Noten (1942); ders.: Geschichte der 
Kurzschrift (1949). 

2. Die Schrift der vorkarolingischen 
Zeit 

a) Die irische Schrift 

Im V. Jh. hat lateinisches Schriftwesen, vom 
Christentum getragen, auch in Irland Fuß gefaßt 
und damit zum ersten Mal die Grenzen des Im- 
perium Romanum überschritten. Die irische 
Schrift, die mit den keltischen Schriften von 
Wales, Cornwall und der Bretagne und der von 
Irland aus gepflanzten ags. Schrift unter dem 
Namen der insularen Schriftarten zusammenge- 
faßt wird, dürfte die bestimmenden Einflüsse 
aus Gallien empfangen haben. Schon die ältesten 
Denkmäler, die um 600 geschrieben sind (CLA 
266), zeigen die typischen Merkmale dieser 
Schrift. Das Alphabet ist das halbunziale, aber 
mit festen Doppelformen für vier Buchstaben: 
dem unzialen D, R und S neben d, r und langem 
s und dem Minuskel-n neben N. Der Schrift 
haben die abgeschnittenen Schaftansätze und die 
kurzen spachteiförmigen Oberlängen den Namen 
gegeben: litterae tunsae; das Schriftband strebt 
nach der Dichte einer Kette. Gipfel der irischen 
Schriftkunst und Buchmalerei ist das ,Book of 
Keils' (CLA 274), um 800. 

Im VII. Jh., einer Blütezeit der Schulen Ir- 
lands, tritt neben die irische Halbunziale eine 
schmälere Schrift, die irische Minuskel, die sich 
durch anspruchslosere Formen im allgemeinen, aber 
auch durch ein oben spitz geschlossenes a von jener 



unterscheidet. Daraus ist, wohl im Gebrauche der 
Schule, eine spitzige, sehr sparsame, bewegliche 
Schrift geworden, deren charakteristischer, oft 
krallenartiger Duktus durch eine besondere Feder- 
haltung hervorgebracht wird; sie eignete sich vor- 
züglich für die von den Iren gern geübte Glossie- 
rung und ist oft winzig geschrieben. Ein System 
starker Abkürzungen hat die Sparsamkeit dieser 
Schrift erhöht. 

Dadurch, daß viele Iren auf das Festland 
zogen, als Missionare und Asketen, die in der 
Heimatlosigkeit ein frommes Verdienst sahen, 
später auch als Lehrer, sind sie zu Erziehern des 
MA.s geworden, nicht zuletzt durch ihre Schrift. 
Dem heiligen Kolumban (f 615), der Luxeuil in 
Burgund und Bobbio bei Piacenza gründete, und 
seinem Schüler Gallus, bei dessen Zelle später das 
Kloster St. Gallen erwuchs, sind andere gefolgt, 
die die Grabstätten ihrer heiligen Landsleute auf- 
suchten, und so sind die Iren hier lange charakte- 
ristische Gäste gewesen. Auch sonst haben sie im 
VIII. und IX. Jh. vielerorts ihre Bücher oder 
andere Spuren ihres Wirkens hinterlassen, so außer 
in Bobbio und St. Gallen in Würzburg, Salzburg, 
der Reichenau, Fulda und Regensburg. Auch im 
X. und XL Jh. hört dieser Zug von Iren nach 
dem Kontinent nicht gänzlich auf; er erfährt eine 
stärkere Belebung durch die Gründung der soge- 
nannten Schottenklöster, von denen die Nieder- 
lassung des hl. Marianus und seiner Gefährten in 
Regensburg 1076 die bekannteste ist. Aus ihrem 
Kreise sind mehrere Codices erhalten (vgl. 
Chroust I, 10, 1); die irischen Schriftzüge sind hier 
abgeschwächt und festländischer Schrift ange- 
nähert, und nur für irische Bemerkungen der 
Schreiber ist gewöhnlich die heimische Schrift ver- 
wendet. Ein anderer Ire derselben Zeit ist der 
Chronist Marianus, der als Rekluse in Fulda und 
Mainz, von Landsleuten und anderen Schreibern 
unterstützt, sein Geschichtswerk schrieb (Ehrle- 
Liebaert 23). Jüngere Beispiele irischer Schrift in 
dt. Hss. sind sehr selten. 

Lit.: E. A. LOWE, Codices Latini Antiquiores II, 
S. XI ff.; W. M. LINDSAY, Early Irish Minuscule Sript 
(Oxford 1910); L. BIELER: Scriptorium 3 (1949) S. 267 
ff. — Irische Schrift in Deutschland (XII. Jh.): P. LEH- 
MANN: MSB. 1929, H. 1, S. 13 f. 

b) Die angelsächsische Schrift in England und 
Deutschland 

Im VII. Jh. durchdringt die irische Mission von 
Norden her das ags. England, gleichzeitig mit der 
römischen Mission, die von Canterbury her die 
Angelsachsen christianisiert. Während bei dem 
Ausgleich zwischen den Richtungen die römische in 
den Fragen des Kultus und der kirchlichen Diszi- 
plin den Sieg davontrug, ist doch bei den Angel- 
sachsen die von den Iren empfangene Schrift 



25 



26 



II. Geschichte der lateinischen und deutschen Schreibschrift bis zum F.nde des Mittelalter» 



herrschend geblieben, «renngleich in selbständiger 
Weiterbildung (über ags. Unziale vgl. o.). Auch 
Schriftwesen ist zweistufig, und zwischen 
der breiten ags. 1 [albunziale und der Minuskel 
steht eine gern .ingewendete gedrängte 1 lalbun/iale 
(/. B. CLA 121 und 194 b). Die Halbunziale kennt 
die gleichen Doppeltormen wie die irische Halb- 
unziale. Als Meister der Schrift sind die Angelsach- 
sen ihren Lehrern gleichgekommen (vgl. z. B. Dur- 
ham A. 11.17: CLA 149; Evangeliare von Lindis- 
farnc und Echternach: CLA 187 und 578), an Dis- 
ziplin waren sie ihnen überlegen. Ihre Abkürzun- 
gen sind weniger zahlreich und weniger kraß. Bei 
Iren und Angelsachsen, zu denen beiden das La- 
teinische als Fremdsprache kam, findet sich wohl 
zuerst ein Bemühen um Worttrennung. Für die 
Schreibung der ags. Sprache erhält das runde d 
schon im VIII. Jh. einen diakritischen Strich 

( 8 = engl, th) und die Runen f und p 
werden in das Alphabet aufgenommen. 

Die Schriftdenkmäler des VIII. Jhs. aus Eng- 
land treten im großen zu drei Gruppen zusammen, 
die erhebliche Stilunterschiede aufweisen: einer 
northumbrischen, einer mercischen und einer süd- 
englischen: die northumbrische Halbunziale steht 
der irischen näher und ist kraftvoller, die Minuskel 
zeichnet sich durch gedrungene, kurze Nagelform 
der Schäfte mit Unterlängen (besonders r) aus 
(z. B. Moore Bede: CLA 139). Mercische und süd- 
englische Schrift sind näher miteinander verwandt, 
sowohl in ihrer meist schwächeren Halbunziale 
wie in der langgezogenen Minuskel (z. B. CLA 241 
und 191). Diese Stilgruppen innerhalb der ags. 
Schrift Englands sind auch in den deutschen Grün- 
dungen der Angelsachsen und in ihrem Einfluß- 
bereich noch zu unterscheiden. In dem 698 ge- 
gründeten Echternach ist das ganze VIII. Jh. hin- 
durch northumbrische Schreibkunst auf dt. Boden 
lebendig gewesen (vgl. CLA 578, 577, 605; ZIM- 
MERMANN, Vorkarol. Min. 260—266). In dem 
Trierer Evangeliar (Zimmermann 258, 267 — 279) 
hat ein ags. Schreiber des Echternacher Kreises, 
Thomas, mit einem fränkischen Schreiber zu- 
sammengearbeitet. Erst bei den jüngsten ags. 
Schriften aus Echternach (Paris Lat. 9525: Zim- 
mermann 262, und Lat. 9565, beide saec. IX. in.) 
verliert sich der northumbrische Schriftcharakter. 
Ein nahe/ u geschlossenes Gebiet ags. Einflusses 
und ags. Schrift begründete in Deutschland das 
Wirken des Bonifatius und seiner Schüler sowie 
der Mönche und Nonnen, die ihnen folgten. Es 
erstreckte sich von Mainfranken über Hessen nach 
Westfalen. Wie Bonifatius und Lul aus Südengland 
stammen, so ist auch das hier eingewurzelte Schrift- 
wesen südenglischer Prägung. Jedoch sind nach 
Fulda (gegr. 744) auch zahlreiche engl. Hss., aus 
verschiedenen Gebieten, gelangt (Abb.: BAE- 



Sl ( KL. Vbc. s Galli, Taf. 13- • enso wie 
ältere italienische Hss., die über England gewan- 
dert sind (z. B. der Codex des \ i Capua 
mit der Lvangelienharmonie des Tatian, Steffens 1 
21 a, Kirchner 7, mit Bemerkungen in ags. Schrift, 
von Bonifatius?). Das gleiche ist in Würzburg der 
Fall (Abb.: BAESECKE, a.a.O., Taf. 25—37; 
vgl. B. BISCHOFF — J. HOFMANN. Libri 
Sancti Kyliani [1952]). Was von ags. Schriften 
aus dem späteren VIII. und dem VIII. — IX. Jh. 
aus Hersfeld (ebd. Stadtarchiv), Fritzlar (ebd. 
Stiftskirche), Amorbach (Arndt-Tangl 4 41), Mainz 
(W. M. LINDSAY, Palaeographia lat. IV. Taf. 4) 
und endlich aus Werden (Chroust IL 22, 6 — 8; 8b 
mit festländischer Kursive gekreuzt; R. DRÖGE- 
REIT, Werden u. d. Heliand [1951], Taf. 1 — 10. 
16 ab) erhalten ist, zeigt alles die südenglische 
Tradition dieses Missionsgebietes. Auch in den 
Skriptorien von Regensburg (BAESECKE, Abro- 
gans, Taf. 20, 22 f; Schreibschulen I, S. 173 u. Taf. 
5d), Freising (BAESECKE, a.a.O., Taf. 11 — 13; 
Schreibschulen I, S. 61 f. u. Taf. 2 d), St. Gallen 
(BRÜCKNER, Scriptoria II, Taf. 15 d), Lorsch 
(CLA 79; LINDSAY, Palaeographia lat. III, 
Taf. 11) und Köln (Arndt-Tangl 4 39 '40: L. W. 
JONES, The script of Cologne from Hildebald to 
Hermann [Cambridge Mass 1932] Taf. 40 — 42) 
sind im späteren VIII. oder frühen IX. Jh. ags. 
geschulte Schreiber tätig gewesen, ohne daß die 
Schule je ein ausschließlich ags. Gesicht gehabt 
hätte. Andere insulare Hss., so der irgendwo auf 
dt. Boden entstandene ,Vocabularius Sancti Galli' 
(BAESECKE, Voc. S. Galli, Taf. 1 2), sind erst 
nachträglich in ihre ma. Bibliotheksheimat gelangt. 
Verhältnismäßig klar erkennbar sind die letz- 
ten Phasen der ags. Schrift in Hessen und im 
Maingebiet aus der Zeit, als schon kein Nachschub 
aus England mehr erfolgte. Kurz vor und um 800 
ist die Schrift meist gerade, mit langen Unterlän- 
gen, oft etwas schwunglos (CLA 90, 97, 146; 
P. LEHMANN, Fragmente: Abh. d. Bayer. Akad. 
d. Wiss., N. F. 23 [1944] Taf. 1/2; Chroust II, 
22, 6 — auch mit Halbunziale — u. 7). In dieser 
Schrift sind das sächsische Taufgelöbnis (aus 
Fulda, GalleV 11; Koenneckc, S. 8) und die Bas- 
ler Rezepte (aus Fulda, Enneccerus 17; Eis 6) ge- 
schrieben. Bei der letzten Generation diul- 
ter Schreiber, die die Halbunziale nur noch selten 
gebraucht, nimmt die Sdirift etwas Starres, oft 
Nagel förmiges an (Chroust I, 5, 6; P. LEHMANN, 
Fragmente, Tat". 3; Steffens 2 54b); dieser Phase 
gehört das trankische Tiufgelöbnis (Enneccerus 6) 
an. In Deutschland wird die Schritt nach 840 nur 
noch von ein/einen Fuldacr Schreibern geschrie- 
ben; im Fuldaer Chartular wechselt die Schrift 
828 zur karolingischen Minuskel (Steffens 2 54 a; 
E. HEYDENREICH, Das älteste Fuldaer Car- 



27 



28 



Bischoff - Paläographie 



tular [1899] Taf. 2), und der Tod Hrabans (856) 
mag das äußerste Datum setzen. — Vgl. Abb. 2. 
In England dringt zwar im X. Jh. von Frank- 
reich her die karolingische Minuskel ein, und das 
Schriftwesen nimmt ein doppeltes Gesicht an: man 
schreibt das Lateinische in gemeiner Minuskel, die 
im Duktus leicht insular gefärbt ist, fällt aber bei 
Angelsächsischem, schon bei Namen, z. B. in Ur- 
kunden, sofort in die nationale Schrift zurück. 
Einen Reflex davon zeigen die ahd. Partien der 
ottonischen und salischen , Cambridger Lieder', 
deren Hs. aus Canterbury stammt und wohl auch 
dort geschrieben wurde (Faks.: K. BREUL, The 
Cambridge Songs, Cambridge 1915; K. 
STRECKER, Die Cambridger Lieder [1926]), m. 
Abb.). Im XII. Jh. wird die Schrift ganz selten, 
vererbt aber zunächst noch die spezifischen Buch- 
staben an die Nachfolgeschrift. 

Nicht selten verrät in festländischen Hss. vor- 
karolingischer und karolingischer Zeit die Nach- 
ahmung von Besonderheiten des insularen, be- 
sonders des ags. Schriftwesens, z. B. des insularen 
3, bezeichnender Abkürzungen oder der roten 
Punktsäume um die Initialen (z. B. St. Galler 
Abrogans: BAESECKE, Lichtdrucke 21—23; 
Steffens 2 43 b) den Einfluß einer insularen Vor- 
lage oder das Nachwirken einer insularen Tradi- 
tion in einem Skriptorium. Über eine solche Ein- 
mischung insularer Merkmale hinausgehend, ver- 
leiht die Gewöhnung an ags. Federschnitt und 
Federhaltung der Schrift von Fulda, Mainz, Würz- 
burg und anderen Schulen auch nach der Annahme 
der karolingischen Minuskel ein unverkennbares 
Gepräge. Die Schrift ist unter diesem Einfluß auf- 
gerichtet, bisweilen sogar linksgeneigt, kantiger 
und mit schärferen Spitzen und volleren Bögen 
ausgestattet als gewöhnliche Minuskel; die Ober- 
längen setzen keilförmig an, die auf der Zeile 
endenden Schäfte sind bei manchen Händen sogar 
charakteristisch nach rechts umgebrochen (z. B. 
S. Bonifatii et Lullii epistolae, hrsg. v. M. TANGL, 
Taf. 1—3; Chroust I, 5, 8 und B. BISCHOFF— 
J. HOFMANN, Libri Sancti Kyliani [1952], 
Abb. 5 f. aus Würzburg). Noch das nach 993 ge- 
schriebene Fuldaer Sakramentar in Bamberg 
(Chroust I, 22, 10) zeigt unverkennbare Merkmale 
insularer Prägung (vgl. auch Chroust II, 4, 6b 
aus Echternach). Der Fall, daß ein festländischer 
Sdirciber in England einen ags. Duktus angenom- 
men hat, liegt im Cotton-Heliand (2. Hälfte des 
X. Jhs.) vor (R. PRIEBSCH, The Heliand MS. 
Cotton Caligula A. VII. in the British Museum, 
Oxford 1925; Koennecke, S. 10; Gallee 1 b). — 
Vgl. Abb. 2 

Teils wohl durch die anfängliche Aufzeich- 
nung dt. Sprache durch die ags. Missionare, teils 
wohl durdi bewußte Entlehnung aus dem ags. 



Schriftwesen sind die ags. Lautzeichen in das dt. 
Schriftwesen gelangt, die in einigen Denkmälern 
verwendet sind: p für w im Hildebrandslied 
(aus Fulda, Enneccerus 1 — 4; Koennecke, S. 6/7; 
Eis 4) V für w in der Lex Salica (Schrift aus 
Mainz, Koennecke, S. 9) und in den Leipziger 
Glossen (Arndt-Tangl 4 , 49) und d" (Lex Sa- 
lica; Cotton-, vatikanischer und Prager Heliand: 
Faks. s. o.; ferner Gallee 1 c, 10b, 17a). Letzte- 
rem nachgebildet ist durchstrichenes b im vatika- 
nischen und Cotton-Heliand. Aus ags. Quelle 
kommen auch der Gebrauch von ~~l (lat. et, ags. 
ond) für enti und die Schreibung von ga- durch 
die durchstrichene Rune X im Wessobrunner Gebet 
(aus der Diözese Augsburg, wahrscheinlich aus 
dem Kloster Staffelsee, Petzet-Glauning 1 ; Ennec- 
cerus 9/10; Koennecke, S. 5; Vollfaks. der Hs. von 
C. v. KRAUS, 1922), letztere auch in den Glossen 
in London Arundel 393. Endlich ist der Keim zur 
Ausbildung des ahd. Akzentsystems in der Nach- 
ahmung der gerade bei den Insularen üblichen 
Verwendung des Akuts als Längenzeichen zu sehen 
(schon in der vielleicht aus dem Regensburger 
Kreise stammenden kalligraphischen Hs. Pa des 
Abrogans: Vollfaksimile bei BAESECKE, Licht- 
drucke). 

Lit.: W. KELLER, Ags. Paläographie (1906); 
P. LEHMANN, Lat. Paläographie, S. 54—57 und MSB. 
1925, 3; E. A. LOWE, Codices Latini Antiquiores II, 
S. XI ff. und Speculum 3 (1928) 3—15. — Einfluß auf 
dt. karolingische Minuskel: P.LEHMANN, Erforschung 
desMAs. (1941), S. 7 ff. 

c) Die Schrift in den festländischen Germanen- 
reichen bis zum VIII. Jahrhundert 
Als lebenskräftige Schriftarten, die die Spät- 
antike den auf dem Boden des Imperium ent- 
stehenden Germanenreichen vererbte, waren Un- 
ziale, Halbunziale und Kursive übriggeblieben: 
die beiden ersten vorzüglich als Buchschriften, die 
dritte als Schrift der Kanzleien, der Schule und 
des Alltags, die in Bibliothekshss. meist nur auf 
Rändern und Vorsatzblättern (vgl. z. B. E. A. 
LOWE, Codices Lugdunenses Antiquissimi [Lyon 
1924] Taf. 5, 11, 17, 19), bisweilen aber auch für 
einen ganzen Codex verwendet wurde (CLA 304, 
573). Die einschneidenden geschichtlichen Ver- 
änderungen des V. und VI. Jhs.: der Untergang 
des weströmischen Reiches und das Ende der welt- 
lichen römischen Kultur, wirkten auch auf das 
Schriftwesen, das sich nunmehr nach Ländern im 
großen und nach Skriptorien im einzelnen stärker 
differenzierte. 

Am entschiedensten folgte die Schrift im West- 
gotenreich, das nördlich über die Pyrenäen hinaus- 
reichtc, eigenen Wegen. Hier wurde noch vor der 
arabischen Eroberung, vermutlich im späten VII. 
Jh., eine neue Schriftart, die westgotischc Minus- 



29 



30 



II. Geschichte der lateinischen und deutschen Schreibschrift bis zum Fnde des Mittelalters 



kel. entwickelt, und auch die Kursive erhielt ein 
eigenes Gesicht; wohl durch I lüchtlinge sind Hss. 
dieser Schritten tiefer nach Frankreich hinein und 
hinüber nach Italien getragen wurden, wo der 
spanische .Schrittcharakter noch um 800 im Skrip- 
torium von Lucca stark durchschlug (CLA 
303 a.b.). 

In Italien und im Merovingcrrcich, wo die 
kirchliche Hierarchie weniger straff zusammen- 
hielt als in Spanien, erscheint das Schriftwesen 
völlig dezentralisiert. Die römisch-gotische Ord- 
nung, die Theoderich seinem Reiche gegeben hatte, 
hat ihn kaum überlebt; das gotische Schriftwesen, 
das mit dem lateinischen wetteiferte und wie die 
lateinische (und griechische) Unziale eine gerade 
und eine schräge Form der Schritt besaß, ging 
rasch zugrunde. Außer dem wahrscheinlich tür 
Theoderich selbst geschriebenen Codex Argenteus 
(Faksimileausg. Upsala 1927), der in dem latei- 
nischen Codex Brixianus (CLA 281) ein genaues 
(.egenstück hat, sind gotische Hss. aus Italien nur 
als Palimpseste erhalten. Eine einzige lateinische 
Hs. des VI. Jhs. enthält gotische Randbemerkun- 
gen (CLA 504: Verona LI, 59 Maximinus 
Arianus); gotische Unterschriften in einer raven- 
natischen Urkunde von 551 (Faks.: TJADER, Die 
nichtliterarischen lat. Papyri, Taf. 120 f.). 

Von der zerstörenden langobardischen Erobe- 
rungblieben nur einige isolierte Gebiete, vor allem 
um Rom und Ravenna, verschont. Was aus Rom 
aus der Zeit vor 800 erhalten ist, beschränkt sich 
auf wenige Unzialcodices. Für die früher be- 
hauptete Teilnahme Roms an der Ausbildung der 
karolingischen Minuskel fehlen nicht nur die 
äußeren Beweise, sondern auch jede innere Wahr- 
scheinlichkeit; die vielgenannte vatikanische Hs. 
des ,Liber Diurnus' in karolingischer Minuskel 
stammt erst aus dem Anfang des IX. Jhs. und 
wahrscheinlich aus Obcritalien. Von der eigen- 
tümlichen Kursive der päpstlichen Kanzlei, der 
bauchigen Kuriale, die nach dem Vorbild byzanti- 
nischer Kanzleischrift stilisiert ist, kann wenigstens 
rückgeschlossen werden, daß sie eine lange Tra- 
dition besaß, ehe sie uns im VIII. Jh. in über- 
liel erten Denkmälern entgegentritt (zuerst in St. 
Gallen 1394, vgl. Miscellanea Giov. Mercati 1 
[Vatic. 1946] S. 422; dann in einem Brief I Ia- 
drians I. von 788). Vom ravennatischen Schrift- 
wesen ist nur die Urkundenkursive durch den 
sdi.it/ der ravennatischen Papyri hinlänglich gut 
überliefert; in der erzbischöflichen Kanzlei wurde 

ähnlich geschrieben wie .\n der römischen Kurie 
(K. BRANDI: Archiv f. Urkundcntorscluing 

1908] Taf. 2; TJADER, Papyri, Taf. 142 ff.). 

Wieweit in den Städten des 1 .angobarden- 
reiches ein Schritt w esen, wenigstens tür den kirch- 
lichen Bedarf, tortbestand, ist schwer abzuschät- 



zen. Aber die allmählich romanisierten Lango- 
barden gelangten selbst zu einem Anschluß an 
römisches Schrittwesen. Im Jahre 643 wurde im 
,EdictHS Rothar? ihr Recht kodifiziert. Ein 
kundenwesen, das an das römische sich anlehnte, 
wurde aut gebaut; es bildete sich ein Stand von 
Notaren, der am Hof in Pavia eine . Aus- 

bildung erhielt. Die Schrift ihrer Urkunden, 
dem frühen VIII. Jh. an Originalen zu verfolgen, 
ist eine oft temperamentvolle Kursive (G. BO- 
NELLI, Codice paleografico Lombardo [Milano 
1908]; Steffens 2 39). Eine besondere Bedeutung 
für die Erhaltung lateinisch-kirdilicher Kultur in 
Oberitalien hat Bobbio (gegründet 614). Die 
meinschaft irischer und nichtirischer Mönche, die 
hier jahrhundertelang sich erneuerte, spiegelt sich 
in Misch- und Ubergangsformen irischer Schritt 
und festländischer Halbunziale bzw. Kursive aus 
dem VII. und VIII. Jh. Dabei hat der irische 
Einfluß auf die Kursive eine gewisse verdichtende 
Wirkung ausgeübt (CLA 334). Daß Bobbio auch 
die langobardische Umwelt beeinflußte, beweist 
selbst die schöne, typisch langobardische und viel- 
leicht in Pavia entstandene St. Galler Hs. des 
yEdictus Rothari 1 , deren Initialen z. T. irischen 
Mustern nachgebildet sind (vgl. ZIMMERMANN. 
Vorkarol. Min., Taf. 13« mit" CLA 365). Als das 
kulturelle Leben sich im Langobardenreich wieder 
erholte, lag es z. T. sicher in den Händen des für 
Italien charakteristischen laikalcn Grammatiker- 
standes. 

Auch im vorkarolingischen Frankenreich waren 
trotz allem Verfall, z. B. der Sprache, einige 
Bischofssitze und Klöster Zufluchtsstätten der 
kulturellen Tradition: Tours mit St. Martin, Paris 
mit St. Denis, Metz, Lyon, Fleury, Luxcuil. 
Corbie, St. Wandrille u. a., und in Laienkr, 
ist wenigstens im Königsgeschlecht und in den 
höheren Schichten eine gewisse Bildung wahr- 
zunehmen. Aber auch Könige waren des Schrei- 
bens mächtig und gaben den Diplomen, deren 
dichte, steile, verlängerte Kanzleikursive den 
litterae caelestes der oströmischen Kaiserkanzlei 
(Kaiserkursive) nachstrebt, durch ihre Unterschritt 
eine magische Weihe. 

In beiden Ländern wurde neben Unziale und 
Halbunziale die Kursive als Buchsdiritt heran- 
gezogen. Dabei ist es bezeichnend, daß die Schrift 
in Büchern im allgemeinen zahmere und testete 
Formen annimmt (Halbkursive) als in den Ur- 
kunden, die besonders aus der königlichen Kanzlei 
erhalten sind. Zwei wiederkehrende I rsdieinun- 
gen haben typische Bedeutung: die Schritt wird 
entweder bewußt stilisiert, im allgemeinen mit 
1 inschluß eines größeren Bestandes an Ligaturen, 
oder, wenn sie an Schwung und Zügigkeit verliert, 
nimmt die Autlösung in 1 in/elhuchstabcn zu. Das 



31 



Bischoff - Paläographie 



Leben bestimmter Schriftprägungen ist unmittel- 
bar mit der Kontinuität und dem Grade der 
Organisation der Schreibschulen verknüpft. So 
kann in einem tätigen Skriptorium eine kalli- 
graphische Schrift, die letzlich von einem einzelnen 
Künstler der Schrift den besonderen Schliff erhielt, 
durch Generationen gültig sein. Eine solche stili- 
sierte Halbkursive ist der schlanke sogenannte 
Luxeuil-Typ (vgl. z. B. CLA 579 ,Lektionar von 
Luxeuil' mit Zusätzen in eng verwandter, aber 
nicht regulierter Kursive; Ehrle-Liebaert 19; Stef- 
fens 2 25 a; ZIMMERMANN, Vorkarol. Min., Taf. 
45, 48 ff.; Mallon-Marichal-Perrat, Taf. 45; E. K. 
RAND, Studies in the Script of Tours II [Cam- 
bridge Mass. 1934] Taf. 34; Kirchner 31 ab; vgl. 
CLA VI, S. XV ff.), der von vor 700 bis in die 
Zeit des Bonifatius belegt ist. Er scheint eine 
weitere Verbreitung in Burgund besessen zu haben, 
was vielleicht durch die bedeutende Stellung von 
Luxeuil zu erklären ist. Von jüngeren Formen 
charakteristisch geprägter Halbkursive sind der 
wahrscheinlich in Laon beheimatete az-Typ (z. B. 
CLA 120, 174, 630, 765 f.; ZIMMERMANN, 
Vorkarol. Min., Taf. 144 ff.; Kirchner 32; vgl. 
CLA VI, S. XVIII) und der EN-Typ von Corbie 
(z.B. CLA 638, 655—657; Kirchner 33; vgl. 
CLA VI, S. XXIV f.) verhältnismäßig reichlich 
überliefert. Auch italienische Schreiber schaffen an 
verschiedenen Orten stilisierte halbkursive Schrif- 
ten mit festeren Formen, darunter solche, deren 
Ligaturen mehr als preziöse Laune denn als Not- 
wendigkeit wirken (z.B. CLA 322, 388, 469). 
Während diese Schriften in Ober- und Mittel- 
italien später alle der karolingischen Minuskel 
weichen, wird unter der Führung von Monte - 
cassino die süditalienische Halbkursive des VIII. 
Jhs. zur Basis einer eigenen Schriftart, der Be- 
neventana, deren Weg in streng folgerichtiger 
Entwicklung abläuft und die ein halbes Jahr- 
tausend ihre Selbständigkeit wahrt. 

Die Mehrzahl der buchmäßigen Halbkursiven 
des VII./VIII. und des VIII. Jhs. steht in klarem 
Abstand von der Urkundenkursive. Dagegen 
scheint im VIII. Jh. wahrscheinlich in Nordost- 
frankreich, einer Landschaft, in der der Hof 
besonders häufig weilte, noch einmal eine reine 
Urkundenschrift als Buchschrift übernommen wor- 
den zu sein. Sie zeigt sich zuerst um die Mitte des 
VIII. Jhs. (St. Gallen 214, unbekannter Prove- 
nienz: Steffens 2 29b; ZIMMERMANN, Vorkarol. 
Min. 102b; Chroust I, 17, 4: CLA 924). Die in 
Anlehnung an die Schrift der königlichen Kanzlei 
gestaltete Schrift besteht in der zweiten Jahr- 
hunderthälfte in dem nordostfranzösischen b-Typ 
und dem ab-Typ von Corbie fort, hier sogar bis 
in den Anfang des IX. Jhs. (b-Typ: z.B. CLA 
558, 719; vgl. CLA VI, S. XXII; ab-Typ: z.B. 



CLA 200, 554; Steffens 2 29a; ZIMMERMANN, 
Vorkarol. Min. Taf. 102c, 103 ff., Kirchner 34; 
vgl. CLA VI, S. XXV f.; vgl. auch Chroust I, 
18, 6 aus Amiens). So wird in dem durch den Abt 
Adalhard (781 — 823) aufs engste mit dem Kö- 
nigshause verbundenen Kloster eine längst ana- 
chronistisch gewordene Schrift gepflegt, neben der 
frühkarolingischen Maurdramnus-Minuskel (s. u.). 
Diese „Typen" und stilisierten Halbkursiven 
begleiten die Jugend der Minuskel; wenn sie 
schrittweise die Entwicklung weiterführen, so wir- 
ken sie doch durcV ihren Konservativismus bald wie 
absterbende Seitenäste. Nachhaltiger wird die 
spätere Einheit der Minuskel wohl dort vor- 
bereitet, wo der Wille zur Form und die Schreib- 
gewandtheit geringer sind, wo die schwunglosere 
Schrift sich, vielleicht nach dem Leitbild der Halb- 
unziale, vereinfacht und die Routine der Liga- 
turenbildung abnimmt. Solche Erscheinungen 
konnten sich um so mehr ausbreiten, als die 
Schriftlichkeit des Zeitalters im Absinken war. 
Unsere handschriftliche Überlieferung ist bis in 
das letzte Drittel des VIII. Jhs. zu lückenhaft, um 
von der Fülle stilisierter Schrifttypen und von der 
gleichzeitigen allmählichen Ausbreitung der Mi- 
nuskel eine adäquate Vorstellung zu geben. Jeden- 
falls ist gegen Mitte des VIII. Jhs. hin bzw. bald 
nach 750, lange bevor von einer bewußt geförder- 
ten Schriftreform die Rede sein kann, eine von 
Ligaturen fast freie Minuskel die normale Schrift 
in Tours und in St. Gallen; ausgesprochene Mi- 
nuskel wird auch von anderen frühen Hss. wie 
dem ostfranzösischen Gudohinus-Evangeliar von 
754 (aus „Vosevio"; Steffens 2 37; CLA 716) und 
Teilen von Bern 611 (CLA 604, vgl. CLA VII) be- 
zeugt. In Tours, wo sich bei dichterer Überliefe- 
rung eine schrittweise Klärung der Schrift be- 
obachten läßt, tritt selbst das für die karolingische 
Minuskel charakteristische kleine unziale a, das 
wohl bewußt neben cc in das Alphabet auf- 
genommen wurde und es später verdrängt, schon 
um die Jahrhundertmitte auf (E. K. RAND, Stu- 
dies in the Script of Tours II [Cambridge Mass. 
1934; B. BISCHOFF: Arcli. f. Kulturgesch. 29 
[1939] S. 35 vgl. CLA VI, S. XXVII ff.). In dem 
wichtigen alemannischen Durchgangsgebiet, das 
zwischen Fränkischem und Italienischem ver- 
mitteln konnte, und das selbst eine Mittelstellung 
einnimmt, sind St. Galler und breisgauische Ur- 
kunden zwischen 750 und 760 schon in werdender 
Minuskel geschrieben (vgl.: A. BRUCKNER-R. 
MARICHAL. Chartae Latinae Antiquiores I no. 
46, 48, 50 ff.). Um 760 setzt in Hss. und in einer 
Urkunde die etwas grobe Minuskel des fleißigen 
Schreibers Winithar ein (761: BRUCKNER-MA- 
RICHAL, a. a. O., no. 57; Steffens 2 43 a; Chroust 
I, 14, 1 f.; CLA 893 a; BRÜCKNER, Scriptoria II. 



33 



34 



II Geschieht« der lateinischen und deutschen Schreibschrift bis zum Ende des Mittelalters 



T.u. 2 a; Kirchner 36 b). In einer Urkunde von 758 
(BRU< KM R MARK HAI., a.a.O. no. 51) kün- 
digt sich der Formcharakter der runden „aleman- 
nischen Minuskel" bereits an, der in der wenige 
Jahre jüngeren St. Galler Hs. 70 (Chroust I, 14, 
3; BRUCKN1 R. Scriptoria II, Taf. 1) veredelt 
erscheint; freilich können diese Minuskclsdiriltcn 
noch in Kursive zurückfallen (vgl. z. B. BRUCK- 
\l R, a.a.O. II, Taf. 10a). Im ganzen aber ist 
schon die frühe alemannische Minuskel so fort- 
geschritten, daß sie sich im wesentlichen unver- 
ändert in St. Gallen, der Reichenau und Konstanz 
bis um 830 gegen die Konkurrenz der karolingi- 
schen Minuskel behaupten kann (BRÜCKNER, 
Scriptoria II). In Bayern beginnt zwar die hand- 
schriftliche Überlieferung erst um 770, doch mit so 
ausgebildeter Minuskel, daß kaum stark kursive 
Vorformen anzunehmen sind, und um die gleiche 
Zeit wirkt eine reine italienische (Vcroneser?) 
Minuskel nach Regensburg hinüber (Schreibschulen 
I, S. 60 ff. und 172 f.). 

Was die Frühminuskel an Boden gewinnt, 
geht in gewisser Weise auf Kosten der Halb- 
unziale, die bei der Bildung jener zweifellos hie 
und da als Leitbild mitgesprochen hat. Eine 
eigentliche Vermischung der Genera durch Auf- 
nahme von Kursivelementen und Minuskelbuch- 
staben in die Halbunziale scheint jedoch selten 
eingetreten zu sein, z. B. in Verona (CLA 502) 
und in Tours (E. K. RAND, Studies in the Script 
of Tours II [Cambridge Mass. 1934], Taf. 23 ff.; 
CLA 682). Meist bleiben die Grenzen gewahrt, 
und auch die Halbunziale saec. VIII. med. (wie 
der „Leutchar-Typ" von Corbie; W. M. LIND- 
SAY, Palaeographia lat. I [1922] S. 63 f. u. Taf. 3) 
hält streng an den charakteristischen Buchstaben 
a, 3 oder G und N fest; die Maurdramnus- 
Minuskel von Corbie (LINDSAY, a. a. O., S. 64 f. 
u. Taf. 4 f.; CLA 613 usw.; Kirchner 38b; vgl. 
CLA VI, S. XXIV), die als früheste karolingische 
Minuskel (vor 780) angesprochen wird, ist eine 
exakte Umsetzung spätester Halbunziale durch 
konsequente Einführung von Minuskel-a, -g und 
-n statt jener halbunzialen Formen, unter absoluter 
Beibehaltung des sonstigen Schriftcharakters — die 
vollbewußte Leistung eines Meisterschreibers (vgl. 
Arndt-Tangl* 5: Berlin thcol. lat. fol. 354, der 
Leutchar-Halbunziale, die Maurdramnus-Vorlage 
und sehr frühe, der Maurdramnus-Minuskel 
wahrscheinlich vorausgehende Minuskel vereinigt; 
CLA VI, S. XII m. Abb.). 

Der Entstehungspro/efs der Frühminuskel aus 
der Kursive kann zugleich die Genesis der römi- 
schen Schriftarten außer der Capitata verständlich 
machen; er vollzog sich nur langsamer und planlo- 
ser und unter ungünstigeren Bedingungen als jene, 
denn in der römischen Zeit konnte die Rezeption 



durch den Budilundcl eine Schrift standardisieren 
und ihre Durchsetzung sichern, und ein allgcnu 
Bildungswesen von hohem Niveau erleichterte ihre 
Verbreitung. Ein allmählicher Ausgleich 
Sdirittwescns erfolgte jedoch auch in der vorkaro- 
lingischcn Zeit aufs neue. Aus den einzelnen 
Klöstern, die als i.rziehungs- und Bildungsstätten 
in ihre nähere Umgebung ausstrahlen, wurden 
durch Tochtergründungen und die Verpflanzung 
von Gruppen von Mönchen lokale Schriftstile 
weitergetragen (z. B. von St. Amand nach S 
bürg); die Vereinheitlichung der Mönchs- und 
Kanonikerregeln und die zunehmende Kommuni- 
kation trugen das ihre dazu bei. 

Germanisches Sprachbewußtsein hat in diesen 
Jhh. nur wenig auf die Schrift gewirkt. Doch ist 
in diesem Sinne offenbar der erfolglose Versuch 
des fränkischen Königs Chilperich (561 — 584) zu 
deuten, das Alphabet durch Hinzufügen der 
Buchstaben , V, Z, A (so etwa nach den 
Hss.) für die Laute w (langes o), ae, the, wi 
(vgl. die u-en-Rune) zu reformieren und ihre 
Anwendung durchzusetzen; wir erfahren da- 
von nur durch den mißgünstigen Bericht 
des Gregor von Tours (Hist. Fr. 5, 44; vgl. Abb. 
bei B. KRUSCH: Hist. Vj. 27 [1932], 747). Eine 
Spur langobardischen Einflusses ist vielleicht die 
gelegentlich zu beobachtende Schärfung des im Lat 
stimmhaft gewordenen oder palatalisierten z zu tz 
in langobardischen Hss. und Urkunden (Eliphatz 
CLA 55; Tzeno, usw.). Die langobardische Kursive 
hat eine eigene Ligatur tz gebildet (L. SCHIA- 
PARELLI: Arch. stör. ital. 87 [1929] 7. ser. 11. 
S. 3— 28). 

Lit.: LEHMANN, Paläographic, S. 59 ff., 64 ff.; 
H. STEINACKER: Miscell. Franc. Ehrle 4 (Studie Testi 
40, Roma 1924) S. 105—176; LOWE, Handwritinc, 
S. 211—222; H. FICHTENAU, Mensch und Schrift im 
MA., S. 103 ff., 146 ff.; BATTELLI, Lezioni», S. 156 ff., 
186 ff. 

3. Die karolingische Minuskel und ihre 

Entwicklung in Deutschland bis zum 

Ende des XII. Jahrhunderts 

a) Die Vollendung und Durchsetzung der karo- 

lingischen Minuskel 

Als Karl d. Gr. die Herrsdiaft antritt, sind also 
schon in verschiedenen Gegenden des Franken- 
reiches und ebenso in dem 774 eroberten LangO- 
bardenreich neben vielerlei Halbkursiven aus- 
gebildete Minuskelschriften vorhanden. Einzelne 
Skriptorien, wie Corbie mit dem Maurdramnus- 
Typ, sind in der kalligraphischen Disziplin den 
übrigen voraus. Gan2 zweifellos hat Karls Reform 
der kirchlich-lateinischen Kultur, die sidi der ver- 
wilderten Sprache annahm, auch die in der Schrift 
vorhandenen Tendenzen zu Zucht, Ordnung und 
Harmonie verstärkt, und es ist durchaus wahr- 



35 



36 



Bischoff - Paläographie 



scheinlich, daß ein fortgeschrittener Stil und glück- 
liche Lösungen des einen Skriptoriums von anderen 
bei der Bemühung um eine klarere und eben- 
mäßigere Schrift zum Vorbild genommen wurden. 
Am Hofe des der Wissenschaft und den Künsten 
zugetanen Königs trafen sich die führenden Geister 
des Reiches; eine Bibliothek wurde für ihn ge- 
sammelt, und es ist unvorstellbar, daß schöne 
Schriften und gewandte Kalligraphen nicht An- 
erkennung und Ermutigung gefunden haben. Unter 
Karls Augen, in der Hofschule, sind Meisterstücke 
in „karolingischer Minuskel" entstanden: das 
Godescalc-Evangelistar in den Jahren 781 — 783 
(Steffens 2 45 a; CLA 681), das Evangeliar der 
Pariser Arsenalbibliothek (CLA 599), der Dagulf- 
Psalter (vor 795; R. BEER, Monumenta palaeo- 
graphica Vindobonensia I [1910] Taf. 17 ff.) u. a. 

Die Signatur der ersten Phase des karolingi- 
schen Schriftwesens ist trotzdem die Freiheit in 
der Gestaltung der Schrift in den lokalen Schulen. 
Manche Schriften, die der sich abzeichnenden ver- 
vollkommneten Minuskel schon vorher nahe- 
gestanden hatten, haben zwar an Regelmäßigkeit 
zugenommen, einzelne ihrer Provinzialismen je- 
doch beibehalten: die alemannische Schrift ihre 
breiten runden Züge und die häufige Ligatur nt 
(vgl. „Murbacher" Hymnen: BAESECKE, Licht- 
drucke 31 — 33; BRÜCKNER, Scriptoria medii 
aevi Helvetica II), burgundische Schriften ihr h 
mit dem nach links hängenden Schaft (z. B. CLA 
555), Veroneser Schriften ein flachgedecktes, halb- 
unziales oder fast halbunziales g (vgl. CLA 601), 
und die schön ausgebildete rätische Schrift ihre Be- 
tonung der Brechung und das eigenartige, auch in 
der westgotischen und beneventanischen Schrift 
vorkommende t (vgl. z. B. das Remedius-Sakra- 
mentar aus Chur: Chroust I, 17, 7; BRÜCKNER, 
Scriptoria I, Taf. 6 f.; KIRCHNER 36a). Im 
ganzen gesehen, ist in diesem Abschnitt der Kon- 
solidierung der karolingischen Minuskel nur ein 
Teil der Schulen unter Wahrung ihrer örtlichen 
Stile zu vollendeten Prägungen der vereinfachten 
und regularisierten Schrift gelangt, während die 
übrigen ihre meist runden, schwereren, an Liga- 
turen reicheren Schriften wohl auch zügeln, im 
Prinzip aber weiterschreiben. Wie wenig sich aber 
noch um 800 ein italienisches Skriptorium um eine 
Reform bemühen konnte, zeigt das Bild vollende- 
ter Unordnung des Schriftwesens in Lucca, das in 
der Hs. Lucca 490 sich darbietet (CLA 303 a— f; 
L. SCHIAPARELLI, II codice 490 della Biblio- 
teca Capitolare di Lucca e la scuola scrittoria 
lucchese sec. VIII — IX [Studi e Testi 36, Roma 
1924]). — Vgl. Abb. 1. 

Erst vom Beginn der zweiten Phase ab, der um 
810 — 820 liegt, vollziehen die meisten Skriptorien, 
die an solchen Schriften festgehalten haben, den 



entschiedenen Wechsel hin zu mehr nüchternen, 
spitzeren, schlankeren und rechtsgeneigten Schrif- 
ten, im großen und ganzen nach westfränkischer 
Mode. Wahrscheinlich ist der Einfluß von Tours, 
von wo aus im IX. Jh. an Klöster und Kirchen im 
ganzen Reich schöngeschriebene Vollbibeln ge- 
schickt wurden, bei dieser Vereinheitlichung nicht 
gering anzuschlagen. Um 820 sterben die rätische 
und alemannische Schrift, die Maurdramnus- 
Minuskel von Corbie und die runderen früh- 
karolingischen Schriften von Lorsch, Metz, Frei- 
sing, Verona usw., und damit verschwinden nach 
und nach das cc-a und die Ligatur nt, die durch 
NT ersetzt wird. Eine Zeitlang scheint das neue 
Alphabet ohne Doppelformen als Ideal anerkannt 
zu werden, wie es z. B. Teile des Dagulf-Psalters 
und viele Hss. der Schule von Tours zeigen. Zahl- 
reiche weitere Schulen kommen diesem Ideal zeit- 
weilig nahe. Andere Skriptorien dagegen haben 
die Nebenformen: offenes a mit zwei Spitzen 
(wohl aus der ags. Schrift herübergenommen) und 
unziales D und N, nie aus der Minuskel aus- 
geschlossen. Auch die Majuskelformen S und V 
bürgern sich noch im IX. Jh. wieder ein: S am 
Wortende, V statt u hier und seltener am Wort- 
beginn. 

Gleichzeitig mit der Vollendung der karolingi- 
schen Minuskel werden auch die Majuskelschriften, 
die noch in frühkarolingischer Zeit z. T. vermischt 
oder stark verzerrt erscheinen, nach guten alten 
Mustern reformiert: die vergrößerte Capitalis für 
Titel, die sogar Formen der merovingischen Lapi- 
darschrift angenommen hatte (CLA 617, 860), 
nach epigraphischen Mustcralphabeten der Kaiser- 
zeit, die Rustica und Unziale nach alten Hss., 
deren besondere Formen bisweilen deutlich durch- 
scheinen. Tours und einige mit Tours in Verbindung 
stehende Skriptorien verwenden auch Halbunziale. 
Alle diese werden in streng hierarchischer Ord- 
nung als Auszeichnungsschriften eingesetzt. 

Die frühe und mittlere Karolingerzeit (bis zur 
Mitte des IX. Jhs.) bildet eine Blüteperiode der 
Schreibkultur und des kalligraphischen Geschmacks. 
Eine Welle der Bibliophilie ist durch das ganze 
Frankenreich gegangen, und im Wetteifer sind 
wohl in den meisten Klöstern und Stiften, in 
denen die Mittel hinreichten, planmäßig aus- 
gewählte Bibliotheken geschaffen worden. Wahr- 
scheinlich sind zu keiner anderen Zeit vor dem 
XII. Jh. so viele Bibliothckshss. geschrieben wor- 
den wie damals. Hinzu kommt die reichliche Aus- 
stattung der Kirchen mit liturgischen Hss.; die 
Landkirchen wurden von den Bischofssitzen und 
begüterten Klöstern aus versehen. Aus einer An- 
zahl der karolingischen Schulen sind noch be- 
deutende Bestände erhalten, an denen sich die 
örtliche Schriftentwicklung durch Generationen 



37 



38 



II. Geschichte der lateinischen und deutschen Schreibschrift bis zum Ende des Mittelalters 



verfolgen läßt. Ausgeprägte Schulstile und ver- 
räterische „Ohrmarken* 1 bieten sich als Anhalt, 
um sogar versprengte 1 Iss., die keinen Miniaturen- 
schmuck besitzen, bestimmten Skriptorien zuzu- 
weisen. Von den französischen Schulen sind Tours, 
Corbie, Fleury, St. Amand, Reims, St. Denis und 

; am besten zu rekonstruieren, wogegen die 
Hss. anderer Zentren mit großen einstigen Bi- 
bliotheken wie St. Riquier gänzlich oder fast voll- 
ständig verloren sind. In Oberitalien sind die 
karolingischen Schrcibschulen von Bobbio und von 

na (unter Pacihcus) und einigen anderen Bi- 
schofsstädten besonders tätig gewesen. Von den dt. 
karolingischen Schreibschulen am Rhein sind aus 
Köln (L. W. JONES, The Script of Cologne from 
Hildebald to Hermann [Cambridge Mass. 1932], 
Chroust 11,6), Mainz (W.M. LINDSAY— P. LEH- 
MANN, Pal. lat. IV [1925] S. 5 ff.), Lorsch 
(LINDSAY, Pal. lat. III [1924] S. 5 ff.), Weißen- 
burg (für das spätere IX. Jh.: P. PIPER, Otfrid 
und die übrigen Weißenburger Schreiber des 
IX. Jhs. [1899]), Reichenau (Chroust I, 19; II, 10) 
und, allen anderen durch den Reichtum seiner 
karolingischen Überlieferung überlegen, St. Gallen 
(BRÜCKNER, Scriptoria II/IIIj Chroust I, 14 ff.) 
größere Blocks von Hss. auf uns gekommen. Die 
Schriftentwicklung des unter Hrabanus Maurus 
hervorragend tätigen Skriptoriums von Fulda, das 
karolingische und ags. Minuskel pflegt, ist in 
weitverstreuten Resten, einem kleinen Bruchteil 
des noch im XVI. Jh. Erhaltenen, zu erkennen; 
sie weist ähnliche Züge auf wie jene von Würz- 
burg (B. BISCHOFF— J. HOFMANN, Libri 
Sancti Kyliani [1952]; Chroust I, 5.). In Süd- 
ostdeutschland hebt neben den gut bezeugten 
Schulen von Freising (Schreibschulen, Taf. 2 c bis 
4d), Regensburg (ebd. Taf. 5d — 8 c) und Bene- 
diktbeuern (ebd. Taf. 1 c — 2 b) die Salzburger 
Schule sich dadurch heraus, daß sie durch die von 
Erzbischof Arn aus St. Amand mitgebrachten 
Schreiber zu einer Pflanzstätte westfränkischer 
Schrift geworden ist (vgl. Chroust I, 7). Daneben 
sind zahlreiche weitere lokalisierte und unlokali- 
siertc Gruppen festzustellen. — Vgl. Abb. 2. 

b) Die Schriftentwicklung in Deutschland vom 

IX. bis zum XII. Jahrhundert 

Nach dem Aussterben der „insularen" Schriften 
in Deutschland und der Bretagne reicht das Herr- 
schaftsgebiet der karolingischen Minuskel von den 
Pyrenäen bis nach Ostsachsen, von Dänemark bis 
südlich von Rom. Die empfangenen Impulse und 
die kulturelle Einheit einerseits, der Mangel an 
innerer Lebendigkeil der Schritt anderseits ver- 
hinderten ein neues Auseinanderfallen des Schritt- 
wesens nach den Reichsteilungen, In den folgenden 
Jhh. eroberte die karolingische Minuskel von 



ihrem weiten Kerngebiet aus England und Spa- 
nien. Nach England wurde sie im X. Jh. im 
folge der von I leury ausgehenden monistischen 
Reform gebracht -iiritt wurde nur noch für 

die Volkssprache bis ins XII. Jh. beibehalten. Die 
(Otische Schritt in Spanien wurde vom Ende 
des XI. Jhs. an zusammen mit der mozarabischen 
Liturgie unter römischem und kluniazensischem 
Einfluß allmählich verdrängt, nachdem in Kata- 
lonien schon im IX. Jh. karolingische Schrift Fuß 
gefaßt hatte. 

In der karolingischen Minuskel werden schon 
im späteren IX. Jh. die Anzeichen einer tic: 
Umwandlung der Schrift bemerkbar, in Deutsch- 
land im allgemeinen sehr auffällig, wenig dag« 
in Frankreich. Sie stand bis dahin, trotz bew„ 
kalligraphischer Stilisierung, unter einem C. 
zwangloser, lebendiger Formung; jeder Buchstabe, 
jedes Glied eines solchen wurde seiner natürlichen 
Funktion in einem Ganzen entsprechend gestaltet. 
Diese harmonische Form bricht nunmehr ausein- 
ander (vgl. z.B. BRÜCKNER, Scriptoria III, 
Taf. 19 a, 26 a, 30 a; Anamod von Regensburg, um 
890: Chroust I, 1, 6; Schreibschulen, Taf. 8c); der 
Schwung ist abgefangen und gehemmt, man setzt 
die Bausteine des Buchstaben zusammen, ungelenk 
und hart, und bildet sie um, z. T. nach falschen 
Analogien. Bögen werden zu Krallen (z. B. bei h, 
m), ein flacher Schwung wird genickt (bei r), statt 
des leichten Auf- und Absetzens der Feder werden 
winklig ansetzende Strichlein sichtbar (z. B. bei i, 
m). Die wenigen übriggebliebenen alten Kursiv- 
ligaturen werden nicht fließend, sondern stockend 
gebildet und sogar mißverstanden nachgeahmt. 
Die Verarmung der Schrift offenbart sich um die 
gleiche Zeit in dem bewußten Verzicht auf Kur- 
sive in der königlichen Kanzlei. 

Im X. Jh. setzt sich diese tief im IX. begin- 
nende Stilphase fort, aber die Härten und die 
Unausgeglichenheit der Schrift nehmen im allge- 
meinen zu. Auch ist die Disziplin der Schreiber 
bisweilen auffällig gering. Unter der Ungarnnot 
hatte in weiten Teilen Deutschlands kulturelles 
Leben überhaupt aufgehört oder sich nur mühsam 
gefristet. In dem verwüsteten Bayern wurde der 
W iederaufbau besonders von dem hl. Wolfgang 
von Regensburg mit Hilfe tüchtiger Mönche aus 
Trier in Angriff genommen. Die Bibliothek des 
von dem Trierer Hartwig neubegründeten Tegern- 
see ist ein Muster dafür, wie durch mehrere 
Schreibcrgencrationen die Bücherverluste ersetzt 
wurden (Chroust IL 1, 6 ff .). Geringer war die 
kulturelle Zäsur in Alemannien und dem Rhein- 
land, wo die bekanntesten Hss. des späten X. Jhs., 
die illuminierten Prachtcodices der Schulen der 
Reichenau, von Trier, Köln u. a. entstehen, deren 
Blüte sich ins XI. Jh. fortsetzt; ihre Schrift ist 



39 



40 



Bischoff - Paläographie 



z. T. gedrungen und schwer (Steffens 2 70 a; 
Chroust II, 8, 1), für die Majuskelschriften ist 
bisweilen offensichtlich erneut auf alte Vorlagen 
zurückgegriffen (Gero-Codex: Chroust I, 19, 6). 
Bei manchen Schriften des späteren X. und auch 
noch des XI. Jhs. bestimmen die knotigen Ver- 
stärkungen der Ansätze von i, n, u, m, langem s, 
f, r und p den Eindruck, z. B. bei Froumund von 
Tegernsee (Chroust II, 1, 6 a, c) und in der Bam- 
berger Apokalypse (Reichenau: ebd. I, 20, 6 — 
hier gegabelt; auch noch in St. Gallen saec. XI. 2 : 
ebd. I, 16, 10). — Vgl. Abb. 3. 

Im allgemeinen gelingt es erst um 1000 und 
danach, das, was vorher stärker oder leiser aus- 
einanderstrebt, zu einem dichteren, glatteren 
Schriftbild zusammenzufassen (z. B. Ellinger von 
Tegernsee: Chroust II, 1, 7; ebd. I, 3, 6 aus 
Regensburg). Diese kalligraphisch nun wieder voll 
beherrschte Schrift, die die Extreme der Magerkeit 
wie der Fülle vermeidet, erhält ein Spannungs- 
moment durch die Tendenz zur Streckung: ein 
schrägstehendes Oval ist die innere Form. In der 
ersten Hälfte und der Mitte des XI. Jhs. ist dieser 
Stil über den größten Teil Deutschlands verbreitet. 
Zur höchsten Eleganz ist er in Süddeutschland von 
der Schreibergeneration des II./III. Jahrhundert- 
viertels ausgebildet (z. B. Uta-Evangeliar aus Re- 
gensburg: Chroust I, 3, 4), innerhalb deren der 
fleißige Regensburger Kalligraph Otloh sich einer 
ungewöhnlichen Wertschätzung erfreut haben muß, 
da er außer für sein Kloster für zahlreiche aus- 
wärtige Prälaten und Stätten gearbeitet hat (vgl. 
seine eigenhändigen Aufzeichnungen: Arndt- 
Tangl 4 19; außerdem Chroust I, 3, 7 und 8; 
Petzet-Glauning 13 = Eis 15). Im einzelnen sich 
wandelnd, teils schärfer, teils stumpfer, hat diese 
schrägovale Prägung der karolingischen Minuskel 
in Süddeutschland und Österreich bis um 1200 
und vereinzelt darüber hinaus fortgelebt, un- 
berührt von der von Westen her andringenden 
Mode (Chroust II, 13, 9 aus Melk um 1240; II, 3, 
6 aus Tegernsee um 1260). Unterdessen scheinen 
im XI. Jh. westdeutsche und nordwestdeutschc 
Schulen diese schrägovale Stufe nicht in gleichem 
Maße auszubauen, wenn sie sie überhaupt er- 
reichen. Sie bleiben vielmehr bei geraderen, kanti- 
geren, häufig gedrungeneren, bald auch hochge- 
zogenen Schriften (vgl. Chroust II, 4, 10b aus 
Trier; II, 5, 1/2 und 7 aus Echternach; II, 8, 4 aus 
Köln), und im XII. Jh. öffnen sie sich viel eher 
dem vom Westen kommenden frühgotischen Stil. 
— Vgl. Abb. 4. 

Man darf jedoch das Bild der Schrift dieser 
Jhh. nicht ausschließlich nach den Prachtcodices 
und den Bibliothekshss. zeichnen. Die Belebung 
des Schulwesens, die erklärende Lektüre von Bibel 
und Schulautoren verlangten vielfach die Anwen- 



dung eines kleineren Schriftgrades zur Eintragung 
von Glossen usw. Solche Schrift, in der auch sehr 
viele ahd. Glossen geschrieben sind, entwickelt sich 
mehr und mehr von einer bloßen Verkleinerung 
der Textschrift zu gewissen abweichenden Formen: 
z. B. a mit verlängertem Schaft, ferner langem s 
und f (die beide in der Textschrift nur leicht die 
Zeile durchschneiden) und besonders r, die weit 
unter die Zeile reichen (vgl. schon Schreibschulen 
1, Taf. 6d; besonders Otloh bei Chroust I, 3, 8 
gegenüber I, 3, 7). 

Die Veränderungen der karolingischen Minus- 
kel vom späteren IX. bis XII. Jh. sind vor dem 
Übergang der Schrift zur Gotik verhältnismäßig 
gering. Vielgestaltig, oft sperrig, sind k und z; der 
Versuch, die einzelnen Formen zeitlich und örtlich 
festzulegen, ist noch nicht geglückt (M. ZIEMER, 
Datierung und Lokalisierung nach den Schreib- 
formen von k und z im Ahd. [Diss. Halle 1933]). 
Das h, dessen Bogen schon im IX. Jh. meist 
krallenförmig ist, verlängert diesen vom XII. ab 
gewöhnlich unter die Zeile. Während N aus der 
Minuskel bald schwindet und auch der Gebrauch 
des offenen a mit zwei Spitzen allmählich zurück- 
geht, gehören rundes d und v (seit dem XI. Jh. 
auch im Wortinneren häufig) jetzt zum festen Be- 
stand. Das am Wortende häufige, meist hochgestellte 
runde s findet sich schon im X. Jh. oft in Ligatur 
mit v. Für den Laut w, seit alters durch Verdoppe- 
lung des u-Zeichens ausgedrückt (uu, uv, usw.), 
erscheint im XL Jh. die festverbundene Form w 
(vgl. schon die ,Homilie Bedas' saec. X: 
Gallee 3 c). Als ein Überbleibsel kursiven 
Schreibens kommt die keulenförmige Verdickung 
der Oberlängen nach dem X. Jh. gänzlich aus der 
Mode, nachdem sie schon vorher häufig knopf- 
artig zusammengezogen oder ähnlich der insu- 
laren Art durch einen Nebenstrich von links 
spachteiförmig verstärkt worden war. Daraus 
wird, zuerst in westdeutschen Schriften um 1100, 
eine offen daliegende Gabel (z. B. Chroust II, 4, 
10b; 5, 5; 8, 6b). Die schon vorkarolingisch sehr 
häufige e caudata ( f ) für den Diphthong ae ver- 
drängt diesen im X. und XL völlig und weicht 
im XII. Jh. selbst dem einfachen e. Für den dt. 
Diphthong uo wird schon im IX. Jh. die Gruppe 
ö gebildet (Petzet-Glauning 4), die im X. Jh. 
besonders am Wortanfang (bei Namen) zur 
festen Ligatur Ö wird. Im XII. Jh. wird das 
Gegenstück ü häufiger (bisweilen auch für den 
Diphthong ou; Petzet-Glauning 20). Seit etwa 
1100 (in Italien schon am Ende des XL Jhs.) 
erhalten zwei benachbarte i (wofür in west- 
lichen Hss. vielfach ij steht) Striche (n) zum 
Unterschied von u, was auch beim einzelnen i 
schon im XII. Jh. auftritt (Petzet-Glauning 20). 
Wenig auffällig und doch nachhaltig wirkt in 



41 



4: 



II. Geschichte der lateinischen und deutsdien Schreibsdirift bis /um i Mittelalter» 



der SJiritt dieser Jhli. ein gewisser insularer und 
/war irischer Einfluß, der wahrscheinlich au) 
irische Lehrer zurückzuführen ist. Zu seinen 
Symptomen gehört der überraschend häufige Ge- 
brauch des Spiritus asper statt h, in Korrekturen, 
aber auch von erster Hand (z. B. in den Straß- 
burger Eiden, Enneccerus 34/6; Steffens 2 69); 
er steht sogar auf der Zeile (Clin 14070c, f. 54; 
14792, f. 60). Seltener ist der Spiritus lenis bei 
vokalischem Anlaut bzw. bei der Tilgung von h. 
Von dorther stammen auch die bis ins XI. Jh. sehr 
verbreiteten Ligaturen mit unter der Zeile an- 
gehängten Vokalen (a, i, o) und ebenso die mono- 
grammatischen Ligaturen in Abkürzungen wie qd 
mit Kürzungszeichen für qnod, qu'idem usw. Die 
Ligatur von rundem d mit hochgestelltem e (XII. 
und XIII. Jh.) ahmt sie nach (z.B. Petzet-Glau- 
ning 20). Über gräzisierende Schreibung der Ab- 
kürzungen vgl. u. 

In der Entwicklung der Urkundenschrift vom 
IX. bis zum XII. Jh. in Deutschland lassen sich 
ähnliche Erscheinungen beobachten wie in der 
Buchschrift. Die frühkarolingische Kanzleischrift 
hatte die gedrängte, langgestreckte merovingische 
Kanzleischrift fortgesetzt, war jedoch gleich- 
mäßiger, offener und höfischer geworden. Eine 
Nachahmung dieses Schriftcharakters versucht der 
Schreiber der Hammelburger Markbeschreibung 
(Chroust I, 5, 7; Arndt-Tangl 4 73). 

Unter Ludwig dem Deutschen erfolgt, parallel 
dem Wandel in der Buchschrift, der entschiedene 
Bruch mit der kursiven Tradition überhaupt. Die 
Änderung geht auf den Notar Hebarhard zurück, 
der seit 859 in der Kanzlei nachweisbar ist. Die 
neugeschaffene „diplomatische Minuskel" hat im 
allgemeinen die Buchstabenkörper der gewöhn- 
lichen Buchminuskel angenommen, doch erhält die 
Schrift durch die langen, geschwungenen Ober- 
längen, durch offenes a, langes r, schnörkelhafte 
Aufsätze auf c, e und p und die ähnlichen Ver- 
änderungen der langen Buchstaben, durch einige 
Ligaturen und das verschnörkelte Abkürzungs- 
zeichen ein eigentümlich zusammengesetztes Aus- 
sehen. Im XL und XII. Jh. gewinnt die Diplom- 
schrift der Kanzlei eine strenge Feierlichkeit; 
unter Friedrich IL kommt sie außer Gebrauch. Die 
unter den Saliern übliche Hervorhebung der Eigen- 
namen durch Majuskelbuchstabcn, die schon vorher 
vereinzelt auftritt, haben die Diplome z. B. mit 
vielen Legendenhss., die die Namen der Heiligen 
ebenso auszeichnen, gemein. Die Schrift der Privat- 
urkunden ist im ganzen Buchschrift, z. T. mit 
ein/einen Schnörkeln; vom XL Jh. ab wird aber 
die Schrift der kaiserlichen Kanzlei auch in den 
Urkunden der weltlichen und geistlichen Großen 
nachgeahmt. 



Dal Herrschaftsgebiet der lateinischen Schrift 
ist vom IX. bis zum XII. Jh. von Deutschland aus 
um die großen, von Salzbui .nsburg und 

Passau, von Hamburg-Bremen, von bürg 

und Gnescn dem Christentum gewonnenen Land- 
schaften erweitert worden. 

Bemerkenswert sind die Wanderungen ein. 
dt. Denkmäler in andere Länder in ottonischcr 
und salischer Zeit: des ,Hcliand" und der .Cam- 
bridger Lieder' nach England (vgl. oben zur ags. 
Schrift) und einer Kanoneshs. mit ahd. Glossen 
nach Montecassino, wo in der Mitte des XL Jhs. 
zwei Deutsche die Abtswürde innehatten (benc- 
ventanische Abschrift in Montecass. 541). 

Lit.: B. BISCHOFF in: Nomcnclaturc des ecriturit 
livresques du IX e au XV le siede (Paris 1954), S. 7 f. 

4. Die gotische Sehr ift per iode 
(XII. — XV. Jahrhundert) 

a) Textura (Textualis) 

Ein neuer Stil der Buchschrift kündet sich im 
XL Jh. in Belgien und Nordfrankreich an. Noch 
im X. Jh. hatte die Schrift hier im wesentlichen 
an den karolingischen Formen festgehalten, die 
jedoch schärfer und steifer geworden waren und 
an Harmonie verloren hatten. Im XL Jh. werden 
die Veränderungen stärker sichtbar, gestreckte und 
zusammengedrängte oder kantige Schriften herr- 
schen vor; feine winklig ansetzende An- und Ab- 
striche bilden sich aus, die Oberlängen werden 
spachteiförmig verstärkt, der Schaft des a ent- 
schieden aufgerichtet. Nun faßt um die Mitte des 
XL Jhs. in Belgien und Nordfrankreich eine Er- 
scheinung Wurzel, die schon in insularen und 
insular beeinflußten Schriften des VIII. und IX. 
Jhs. sowie in jüngeren englischen Schriften weit 
verbreitet war, und die den Formkanoa der bene- 
ventanischen Schrift beherrscht: die Brechung der 
Schäfte. Der belgische Typ dieser gebrochenen 
Schritt, mit kurzen Schäften und etwa quadra- 
tischen Proportionen von n und u, hatte nur eine 
kurze Lebensdauer. Dagegen war die längliche 
gebrochene nordfranzösische Schrift eine um so 
folgenreichere Schöpfung, als sie dem Wollen des 
aufsteigenden gotischen Baustils parallel ging und 
auf die Schriftseite einen ähnlichen I indruck ban- 
nen konnte. In England trat diese Schrift der 
Normannen aut eine charakteristische Kalligra- 
phie, und wenn im XII. Jh. das Bild der west- 
lichen frühgotischen Schritt neben der Geschlo 
heit eine gewisse Fülle und Weichheit annimmt, so 
scheint eine englische Komponente im Spiel zu 
sein. — Vgl. Abb. 5. 

Die auffälligsten Merkmale dieser nordfranzö- 
sischen Schrift und aller spateren gotischen Textura 
sind — gegenüber der karolingischen Minuskel 
und der vorherrschenden dt. Schritt des XL Jhs. — 



43 



44 



Bischoff - Paläographie 



die Streckung und die gerade Aufrichtung aller 
Schäfte, die auch den Schaft des a einbezieht. 
Ebenso wesentlich ist aber schon für das Ausgangs- 
bild der gotischen Buchschrift, daß mit Ausnahme 
von g, j, p, q, y und dem Bogen des h, dessen 
Spitze die Zeile berührt oder durchschneidet, alle 
Buchstaben, also auch f und langes s, auf der Zeile 
stehen; es gehört zu den Prinzipien der Goti- 
sierung, daß alle senkrecht auf der Linie stehenden 
Schäfte gleich behandelt, also umgebrochen oder 
mit Verbindungsstrichen versehen werden. Die 
Arten der Schäfte sind in der westlichen frühen 
Gotik im allgemeinen nach einer klaren Norm 
geregelt: i, die Schäfte von u, r und p, und die 
führenden (ersten) Schäfte von m und n sind am 
oberen Ende wie die Oberlängen gebildet, also mit 
Gabelung, oft sehr ausgeprägt. Die folgenden 
Schäfte von m und n sind mit Haarstrich ange- 
hängt und sehr häufig im oberen Drittel abge- 
knickt; wenn nun der Haarstrich winklig von dem 
Schattenstrich abgesetzt ist, kommen Spitzarkaden, 
den Spitzbögen der Architektur vergleichbar, zu- 
stande. Die Gabelung der mittellangen Schäfte, 
die auch in Deutschland im Zuge der Gotisierung 
allgemein angenommen wird (z. B. Rufinus aus 
Trier von 1181: Steffens 2 86; Chroust II, 6, 2), ist 
noch in der prachtvoll geschriebenen Bibel von 
Bredelar (von 1238: Chroust II, 24, 2) deutlich 
zu sehen. Um die Mitte des XIII. Jhs. wird sie 
wohl endgültig durch eine andere Bildung der 
Schaftansätze verdrängt, die sich im XII. Jh. an- 
bahnt. Im Unterschied von den gegabelten Ober- 
längen — die später oft nur einen leichten Zier- 
strich erhalten — kommt für die mittellangen 
Schäfte schon im XII. Jh. die Tendenz auf, die 
Gabelung des Ansatzes zu einer kantigen Ver- 
stärkung zusammenzuziehen. Der konstruktive 
Sinn des gotischen Zeitalters hat nicht geruht, bis 
für das Verhältnis des beherrschenden geraden 
Striches und der umgebrochenen Teile die klarste 
Lösung gefunden war: letztere werden zu auf die 
Spitze gestellten Quadraten oder, bei angehängten 
Schäften, zu Rechtecken bzw. auch hier zu Qua- 
draten; denn um ganz gleichgebaute Reihen von 
Schäften zu erhalten, hat man vielfach die Haar- 
striche unterdrückt, und die „Quadrangeln" be- 
rühren sich mit den Spitzen (z. B. Petzet-Glau- 
ning 48). Daneben besteht aber der einfache An- 
satz durch kurzen Haarstrich auch für die ersten 
Schäfte fort. Die An- und Abstriche sind meist 
stcilgestellt (z.B. Rufinus von 1181, s.o.); nur 
vereinzelt wird in frühen gotischen Schriften der 
Versuch gemacht, sie zu waagerechten Basisstrichen 
umzugestalten (Petzet-Glauning 22, Hand I; 
Chroust I, 23, 9; nach italienischen Vorbildern?). 
Viel öfter sind i, n, m, r usw. auf der Zeile glatt 
abgeschnitten; für diese Schrift ist später der Name 



textus praecisus belegt. Besonders in England be- 
liebt, wird sie gelegentlich auch in Deutschland 
verwendet (Antiphonar aus Leubus ca. 1280/90 
bei E. KLOSS, Die schles. Buchmalerei d. MAs. 
[1942] Abb. 29 ff.). 

Brechung, Streckung und die gleichartige Orga- 
nisation aller auf der Linie stehenden Schäfte 
treten als Symptome der Gotisierung schon seit 
dem XL Jh. auf, und wo sie zusammenwirken, 
darf wohl von frühgotischer Schrift zum Aus- 
druck des formalen Unterschieds gegenüber der 
karolingischen Schrift gesprochen werden. 

Zum charakteristischen Bilde (vollendeter) go- 
tischer Textura gehört jedoch bestimmend noch 
eine andere, später einsetzende Erscheinung, die 
Bogenverbindungen, die nach den von Wilhelm 
Meyer gefundenen Regeln gebildet werden. Die 
Regeln besagen: 1. "Wenn zwei Buchstaben ein- 
ander zugekehrte Bögen haben (z. B. be, oc, po), 
so werden sie so nahe zusammengerückt, daß die 
Bogenlinien sich teilweise überdecken. Sind also 
die Bögen der Textura in gerade Striche umge- 
brochen, so haben die Buchstaben die senkrechten 
Teile der umgewandelten Bögen gemeinsam. Fer- 
ner werden bb und pp zusammengeschrieben; diese 
treten z. T. sogar vor den anderen Verbindungen 
auf (Chroust I, 22, 2 a und 3). 2. Um ein Zu- 
sammentreffen von Bogen und geradem Strich 
möglichst zu umgehen, wird das „runde" r aus der 
alten Ligatur or auch an die Bogenbuchstaben b, 
rundes d, h, p, v, y angeschlossen. Diese Regeln 
sind am Anfang des XIII. Jhs. auf die gotische 
Textura übertragen worden, nachdem die erste 
bereits vorher in der gleichfalls von der Brechung 
beherrschten Beneventana erprobt war. Ihr Ur- 
sprung und Zweck ist es, der Ästhetik der goti- 
schen Schrift entsprechend, daß ein möglichst ge- 
schlossenes Schriftbild erzeugt werden soll. In der 
Ausnützung und Anwendung der Verbindungen 
verhalten sich die Schreiber sehr verschieden; doch 
ist von den Regeln aus die Wahl der Buchstaben- 
formen, ob langes oder rundes d, ob u oder v, und 
in der Jenaer Liederhs. sogar, ob i oder y, be- 
einflußt worden. Die Regeln sind bis in die Früh- 
druckzeit lebendig geblieben. — Vgl. Abb. 6. 

In ihren strengsten Formen (z. B. Degering 95) 
läßt die nordische Textura überhaupt keine runden 
Striche zu, sondern löst selbst die Bögen in ge- 
brochene, winklig zusammengefügte Züge auf. 
Meist, vor allem in den kleineren Graden, ver- 
bindet sie Rundung und Brechung oder verschleift 
letztere. Vereinfachte Textura ist z. B. im allge- 
meinen die abkürzungsreiche Universitätsschrift 
des XIII. und XIV. Jhs. von Paris und Oxford, 
und erst recht ihre verfeinerte Abart, die winzige 
und dabei doch klar lesbare „Perlschrift", die für 
Taschenexemplare der Vulgata und des NT. im 



45 



46 



II Geschichte der lateinischen unJ deutschen 5 bis zum des M rtelalten 



XIII. Jh. geschaffen wurde (Crous-Kirchner l >, 
ring 81; New Paleographical Society, [.ser., 
II, 217 nach vier Exemplaren). 

Die Ausbildung .ill dieser Charakteristika fin- 
ilet nicht .uil dt. Boden, sondern in Frankreich 
und England statt. 

Die Rezeption der neuen Schrift ist dadurch 
gefördert worden, daß seit dem frühen XI. Jh , 
etwa seit Fulbcrt von Chartres, die deutsehen 
Scholaren gewohnt waren, in Frankreich die Hei- 
mat der höheren Bildung zu sehen und an die 
dortigen Schulen zu ziehen. Dadurch hatten viel- 
leicht schon einzelne westliche Schriftmerkmale 
Eingang gefunden (etwa ein bogenförmiger Ab- 
kürzungsstrich, z.B. Chroust II, 20, 5 aus Hildes- 
heim 1103). Die Anziehungskraft der franzö- 
sischen Schulen übertrug sich auf die Universität 
Paris. Auch die Ausbreitung des streng zentrali- 
sierten Zisterzienserordens, der sich in Frankreich 
durch ein in Schrift und Dekor sehr einheitliches 
Buchwesen auszeichnet, hat den Übergang zur 
gotischen Schrift begünstigt. Von einer typischen 
„Zisterzienserschrift" kann in Deutschland jedoch 
nur mit Vorbehalt gesprochen werden, da die 
zahlreichen süddeutschen und österreichischen Zi- 
sterzienserklöster im allgemeinen an der schräg- 
ovalen Schrift dieser Gebiete festhalten (vgl. z. B. 
eine so typische Zisterzienserschule wie Heiligen- 
kreuz: Chroust II, 14 und 15). Gegenüber dieser 
westlichen Orientierung des dt. Schriftwesens ist 
ein Einfluß der runderen italienischen Schrift der 
Gotik, die in der Rotunda gipfelt, nur ausnahms- 
weise in Deutschland wahrnehmbar (vgl. Chroust 
I, 2, 4 Bamberg; II, 14, 9b Heiligenkreuz ca. 
1230; E. KLOSS, Die schlesische Buchmalerei d. 
MA.s, T. 49/50, 52 ff.: schlesisch um 1320; häu- 
figer in Süddeutschland im XV. Jh.). 

In Westdeutschland kam der kantigere Schrift- 
charaktcr der Gotisierung entgegen. Ein Blick auf 
die Schule von St. Mathias in Trier als Beispiel 
vermag zu zeigen, wie auf bereits entschieden 
gestreckte, aber noch unsichere Schriften der 
1. Hälfte des XII. Jhs. (Chroust II, 5, 8a von 
1126; 5, 9 nach 1131) eine strenge, gerade, steile 
Schrift mit konsequenter Beobachtung der steilen 
An- und Abstriche, auch bei f und langem s, folgt 
(ebd. II, 6, 2 von 1181); bei einer Schrift von 1243 
(ebd. IT, 6, 6a) sind Brechung und Bogenvcrbin- 
dungen voll durchgeführt. So treten die Symptome 
der Gotisicrung stufenweise auf. Zögernd vollzieht 
sieh, nach 1150, eine Annäherung in der Bam- 
berger Schule (Chroust I, 21/22). In anderen 
( legenden, in denen die vorgotische Schriftentwidf 
lung weniger Ansatzpunkte bot, vor allem in Süd- 
bayern und Österreich, dürfte die Übernahme 
gotischer Schritt meist in einem scharten Bruch mit 
der Tradition erfolgt sein. Doch gibt es auch hier 



im spaten XII. und frühen XIII. Jh 
formen, starre und bisweilen sogar stachlige 
Schriften (z. B. Chroust I, 17. 10 St. < 
2 und 5a Tcgcrnsec: III, 4, 3 4 Weil ähn- 

lich Petzet-Glauning 21, Augsburg?). Im Laufe 
des XIII. Jhs. werden die Texturen dann belebt 
und bewegt (z. B. Carmina Burana: Pct/ct-Glau- 
ning 25); der einzelne Buchstabe erscheint in das 
Wortbild eingeschmolzen. 

Wahrend es ein allgemeines Merkmal der nor- 
dischen Schrittgotik ist, daß die gestreckten Schäfte 
und die aneinanderschließenden Bögen zu dichten, 
blockartigen Wbrtbildcrn zusammenrücken, fehlt 
dieses Streben nach Geschlossenheit vielen Schrif- 
ten dt. Texte des XIII. und frühen XIV. Jhs. 
gänzlich. Vor allem kleinere Schriften verbinden 
mit dem Gebrauch eines breiten 3förmigen z und 
des mit einem Bogenschwung beginnenden v an 
jeder Stelle des Wortes eine sehr lockere Verteilung 
(z. B. Petzet-Glauning 26 b u. 36), wogegen andere 
dt. Schriften sich durchaus nicht von dem nor- 
malen Bild der Textura abheben (z.B. ebd. 26a). 
Der Unterschied ist wohl im wesentlichen darauf 
zurückzuführen, daß ein Teil der Schreiber schon 
vorwiegend an dt. Texte, andere (hauptsächlich 
klösterliche?) vorwiegend an lateinische Texte ge- 
wöhnt waren (vgl. die Gegenüberstellung bei 
Crous-Kirchner, Abb. 12 und 13). 

Die Blütezeit der Textura in Deutschland 
das XIII. und XIV. Jh., doch nimmt die Schrift 
im XIV. Jh. einen übertrieben verzierten oder 
auch knorrigen Charakter an: so erhält t am 
Wfortschluß einen abschließenden Zierstrich, und 
benachbarte Oberlängen werden durch einen 
Haarstrich verbunden. Eine besondere Varietät 
der Textura, in der die oberen Quadrangeln mit 
feingeschwungenen Spitzen, wie Flämmchen, an- 
setzen, scheint vorzüglich im südostdeutschen 
Raum beheimatet zu sein, österreichische Schrif- 
ten zeigen diese Erscheinung vereinzelt schon um 
1300 (Chroust II, 12. 7b: 13, 4). Zum Merkmal 
eines regionalen Stils werden diese geflammten 
Quadrangeln in Böhmen und Schlesien unter 
Karl IV. und Wenzel, aber auch bis ins XV. |h. 
hinein (Abb. bei J. v. SCHLOSSER: Jb. der kunst- 
histor. Sammlungen d. Allerh. Kaiserhauses 14 
[1893] S. 214— 317; das prachtvolle Hieronymus- 
Offizium des Johannes von Saaz von 14C4: 
Chroust III, 16, l > 10; für Schlesien: E. KLOSS, 
Die schlesische Buchmalerei d. MA.s, Abb. 89 f., 
93 ff., 144 f., 203 u.a.). 

Im XV. Jh. scheint sich die große Textura, die 
nun ott etwas Nüditernes. Kastenförmiges an- 
nimmt, mehr und mehr aut liturgische Hss. gro- 
ßen Formats und auf die elementaren Sdiulbücher 
zurückzuziehen, jene Gebiete, auf denen der Früh- 
druck die Tradition weiterführt. Zu den Fak- 



47 



48 



Bischoff - Paläographie 



toren, die zu ihrem Zurücktreten beigetragen 
haben, gehört außer dem Aufkommen der Bastard- 
schriften wohl auch die ausgedehntere Verwen- 
dung des Papiers, das zum Schreiben dieser Schrift 
wenig geeignet ist. Textura mit ausgeprägten 
Quadrangeln ist jedoch die erste Schriftart, in der 
die Letternschneider der Frühdruckzeit die Mei- 
sterschaft erreichen. 

Außer den formalen Gestaltungen, nach denen 
die Geschichte der Textura im vorstehenden skiz- 
ziert wurde, umfaßt diese Schriftart (als Gegen- 
satz zur Notula) eine breite Skala kleinerer, we- 
niger formaler Schriften, bis hinab zu Formen, 
die an Urkunden- und Briefschriften grenzen (z. B. 
die Schrift des Münchener /Tristan' und der Par- 
zivalhs. G; Petzet-Glauning 32 und 33). In ihnen 
ist hauptsächlich die lateinische wissenschaftliche 
und Predigtliteratur, aber auch ein großer Teil 
der dt. Literatur vor dem XV. Jh. geschrieben; 
dann weichen sie den Bastardschriften. Einteilung 
und Benennung der Abstufungen bei LIEF- 
TINCK (s. Lit.). 

Die Buchstabenformen der Textura erleiden 
nur wenige Veränderungen, von denen einige 
bereits genannt sind. Das a nimmt am Ende des 

XIII. Jhs. durch Umbiegung des Schaftes eine 
zweibogige Form — wie fast allgemein in der 
Notula — an, die im XIV. Jh. besonders aus- 
geprägt ist; im XV. Jh. wird auch die Bogen- 
linie links oft als gerader Schaft gezogen, und 
der Buchstabe gerade geteilt (z. B. Crous-Kirch- 
ner, Abb. 49). An Stelle des i-Strichs tritt vom 

XIV. Jh. an allmählich der i-Punkt. Das r nimmt 
seit dem Ende des XII. Jhs. einen Zierstrich an, 
und im XII. und XIII. Jh. ist der Schulterstrich 
vielfach vom Stamm getrennt. Das z (s. o.) hat 
in dt. Hss. verschiedene auffällige Formen, z. B. 
aus drei Bögen (Koennecke, S. 37 und Petzet- 
Glauning 42b; ebd. 48) und in den Carmina 
Burana (ebd. 25) die c-förmige, die in der süd- 
lichen Romania zu Hause ist (P. LEHMANN: 
MSB. 1939, H. 9, S. 27). Ein S-ähnliches Zeichen 
für ch in der Hs. C des Wirnt von Grafenberg 
erwähnt G. Fr. BENECKE (Ausg. Berlin 1819, 
S. XXXIV; Hinweis von H. Thoma). 

Obwohl es im dt. MA. vor dem XV. Jh. einen 
ständigen Buchhandel und damit eine Typen- 
bildung durch denselben nicht gibt, sind doch 
durch Brauch und Zweck gewisse Verbindungen 
von Schriftart, Buchtyp und Inhalt entstanden 
und jahrhundertelang festgehalten worden. Große 
Textura ist nicht nur für Missalicn in folio ge- 
braucht worden, sondern in feierlichster Steige- 
rung auch für nicht eben große Pontifikalien und 
Canones missae (vgl. BRÜCKNER, Scriptoria I, 
T. 38b; Degering 95; beide bei nur 12 Zeilen je Seite), 
ferner in Bibeln, Homiliarien, in Büchern für die 



klösterliche Tischlesung (z.B. Arndt-Tangl 4 62 
,Legenda aurea'; Petzet-Glauning 55 dies, dt.; 
Arndt-Tangl 4 64 , Gregors Dialogi'), in Marty- 
rologien, Anniversarien u. ä. Bei Rechts- und Sta- 
tutenbüchern dokumentieren großes Format und 
Textura die Würde der Satzung (Arndt-Tangl 4 
28 , Goldene Bulle'; Hss. des , Sachsenspiegels' und 
der ostd. Rechte); darum ist ausnahmsweise die 
stattliche Urkunde über die Bestätigung des Mag- 
deburger Rechts für Breslau (12. IX. 1283; Chroust 
III, 12, 7/8) in Textura geschrieben. Daß Hss. dt. 
Dichtung verhältnismäßig häufig in großen For- 
maten und großer Textura angelegt wurden (z. B. 
Jenaer Liederhs.; Manessische Hs.; Petzet-Glau- 
ning 39, 40 usw.) läßt schon im Äußeren erken- 
nen, welchen Wert die Auftraggeber diesen Bü- 
chern beimaßen. Ein ganz anderes bevorzugtes 
Anwendungsgebiet für reguläre Textura sind, 
trotz ihrer Kleinheit (8° und darunter) bis ins 
XV. Jh. die Breviere, Stundenbücher und privaten 
Erbauungsbücher, darum auch die dt. Mystikerhss. 
(z. B. Petzet-Glauning 49 b, 50; BRÜCKNER, 
Scriptoria IV, Taf. 38 d; DTdMA. 18, Taf.). 
Schließlich lernen an großer Textura die Kinder 
Lesen und Latein; denn ihre Schultabulae und 
Donate (in 4°) sind in dieser Schrift geschrieben. 

b) Notula (gotische Kursive) und Bastarda 

Die zweite große Schriftgattung der gotischen 
Zeit ist nach der spätma. Terminologie die Notula; 
die heute daneben übliche Bezeichnung „gotische 
Kursive" läßt an eine Parallele zur älteren 
Schriftgeschichte denken, die jedoch im Technischen 
nicht zu streng gesucht werden darf. Freilich steht 
in den Anfängen dieser Gattung die Scheidung: 
Notula — Textura ebenfalls noch nicht fest, und 
die Grenzlinie ist im Fluß. Verstanden werden 
unter dem Ausdruck Notula nicht die letzten Aus- 
läufer römischer Kursive in den italienischen No- 
tarstuben, sondern das Neue, das aus der „ge- 
sunkenen" Buch- und Urkundenschrift sich ent- 
wickelt. Seit dem Ende des XII. Jhs. kann davon 
gesprochen werden, und es läßt sich, angefangen 
von der flüchtigsten Schrift von Konzepten, dar- 
unter zusammenfassen, was unterhalb der eben 
noch formalen Buchschrift und der ihr in dem 
festen Duktus nahestehenden formalen Urkunden- 
schriften liegt und zudem die unter die Zeile ver- 
längerten langen s und f besitzt; auch die Glosscn- 
schrift löst die Notula ab. 

Diese Schrift verdankt der Urkundenschrift 
viel, und 300 Jahre lang verläuft die Geschichte 
der Urkundenschrift innerhalb oder längs ihrer 
Grenzen. Die neuen Tendenzen zeigen sich auch 
hier zuerst außerhalb Deutschlands. Seit dem Ende 
des XII. Jhs. lassen sich deutliche Übereinstim- 
mungen zwischen den kurrentesten der an den 



49 



50 



II Geschichte der lateinischen und deutschen Schreibschrift bis /um Knde des Mittelalter» 



hohen Schulen und den von den Notaren gebrauch- 
»chriften beobachten: die gleiche Linktneigung, 
die last bis zu ausgesprochener Girlandenbildung 
führen kann, wobei die Möglichkeit, Buchstaben 
wie u, n, m in einem Zuge ZU schreiben, wieder- 
gewonnen wird. Ferner — wie in älterer Urkun- 
den- und Glosscnschritt — der Gebrauch des unter 
die Zeile verlängerten langen s, t, r und runden s, 
und die Umbiegung dieser und anderer Unter- 
längen, wobei gelegentlich eine Schlcifcnbildung 
eintritt (frühe Beispiele: B. K VII l.RBACH- A. 
PELZER - C. SILVA - TAROUCA, Exempla 
scripturarum I [Rom 1928] 6 u. 8; II [1930] 34); 
die Wortenden werden gern mit einer Rundung 
nach unten abgeschlossen (auch bei m und n). 
Schließlich der Verzicht auf die Gabelung der 
Oberlängen, überhaupt eine Vereinfachung der 
Buchstabenformen. In diesen grundlegenden Zügen 
sind im ausgehenden XII. und im XIII. Jh. Ge- 
lehrtenhände, Registerschriften und die Mehrzahl 
der Urkunden- und Briefschriften einander eng 
verwandt, und vereinzelt nähert sich auch schon 
die Schrift dt. literarischer Texte diesem Charakter 
(vgl. die oben erwähnte Hand des Münchener 
,Tristan' und eines Teiles der Parzivalhs. G: Pet- 
zet-Glauning 32 u. 33). 

Bei den Oberlängen, die in Urkundenschriften 
schon seit der diplomatischen Minuskel Hebar- 
hards in einer Kurve von rechts ansetzten, geht 
die Tendenz mehr und mehr dahin, die Feder bei 
dem Schwünge nach oben, der zur Erreichung der 
Spitze erforderlich ist, schon tiefer — bzw. bei 
dem runden d schon weiter rechts — wieder auf- 
setzen zu lassen. So zeichnen sidi Bögen ab, die 
bei kursiverem Schreiben zu geschlossenen Schlin- 
gen werden. Das Neue an diesen Schriften ist also, 
daß wieder Möglichkeiten zu kursivem Schreiben 
sich auftun, ohne stets gleichmäßig ausgenützt zu 
werden; häufig schreibt dieselbe Hand einen Teil 
der Buchstaben, ohne abzusetzen, während sie die 
anderen zusammensetzt (vgl. z. B. u und n/m bei 
Arndt-Tangl 4 92 von 1288), ja sogar in ein und 
demselben Dokument die gleichen Buchstaben bald 
kursiv und bald zusammengesetzt (Chroust II, 17, 
7 a und 7 b von 1287 u. 1282). — Vgl. Abb. 7. 

Die fcstländisdie Urkundenschrift des XIII. 
Jhs. wird größtenteils von europäisdien Moden 
beherrscht, die teils die zu würdigen und gra- 
ziösen Formen gelangte Schrift der Kurie zum 
Vorbild nehmen, teils von Frankreich ausgehen, 
von wo aus sie offenbar durdi die hier ausgebilde- 
ten Notare und vielleicht auch durch Vorlage- 
blätter verbreitet werden J es sind aber nicht nur 
Notulatypcn, sondern auch kräftige Schritten von 
Texturaart, jedoch mit verlängerten s und f, und 
mit den Ober- und Unterlängen und einigen wei- 
teren Kennzeichen von Urkundenschriften (z. B. 



Steffens- 93). Diese letzteren treten zum XIV. Jh. 
hin zurück. In der dt. Urkundenschrift herrschen 
trotz großer Unterschiede in den lokalen Tradi- 
tionen der zahlreichen Kanzleien verschiedene 
Stile in zeitlichem Wcdisel vor, und es ist z. T. die 
kaiserliche Kanzlei, die den Ton angibt. In der 
2. Hälfte des XIII. Jhs. überwiegt die Tender 
ausgesprochen flacher Gestaltung: die zierliche 
Schrift ist niedrig und breit. Schon am Ende des 
Jhs. löst sich diese Bindung an die Waagerechte, 
und im XIV. Jh. hängen die dünnen Unterlängen 
oft fadenförmig herab. In der kaiserlichen Kanzlei 
geht die Entwicklung der Schrift weiter zum 
Überladenen und Gekünstelten; diese erreidit 
unter Ludwig dem Bayern den Höhepunkt, in 
dessen Zeit die Bögen der Oberlängen zu spitzen 
Winkeln gebrochen und übermäßig stark schattiert 
werden (vgl. die ähnliche Schrift bei Arndt-Tangl 4 
27 und selbst die Textura des Fnikel: Pctzet-Glau- 
ning 40). Unter Karl IV. wird die Schrift ein- 
facher, und das Vorbild der avignonesischen Kanz- 
lei gewinnt an Einfluß. Im XV. Jh. wird der be- 
sondere Charakter der Urkundenschriften schwä- 
cher, namentlich infolge der Ausbreitung der 
Schreibmeisterschriften im Urkunden- und Buch- 
wesen. 

Ein extremer Grad kursiven Schreibens ist in 
der flachen und bogenreichen Konzeptschrift der 
Kanzleien erreicht, die sich schon unter Sigismund 
vorbereitet (Chroust I, 13, 3) und im 2. Drittel des 
XV. Jhs. sich rasch ausbreitet (z. B. Chroust I. 24. 
7: Nürnberg 1449). Hier kündigen sich die For- 
men der späteren deutschen (Kurrent-) Schrift an 
(z. B. d, e, x). 

Die letzte Schöpfung, die aus dem Schöße der 
spätma. Reichskanzlei erwächst, ist die Fraktur, 
eine längliche Kanzleischrift mit leicht geflammten 
Quadrangeln, spindelförmigen s und f, und Ma- 
juskeln, die besonders mit dem „Elefantenrüssel" 
verziert sind. Die Schrift der feierlichen Diplome 
aus der letzten Zeit Friedrichs III. ist eine un- 
mittelbare Vorstufe. In der Kanzlei Maximilians 
wird schon um 1500 eigentliche Fraktura ge- 
schrieben (Abb. bei C. WEHMER, Beitr. z. In- 
kunabclkundc, N. F. II [1938] S. 164), und durch 
die Liebhaberdrucke des Kaisers, das Gebetbuch 
(1513, Crous-Kirchner, Abb. 81) und den Tcuer- 
dank (1517, ebd. 82), für dessen Typen der 
kaiserliche Sekretär Vincenz Rockner die prob 
schrieb, gelangt sie zu rascher Popularität. 

Der Urkundennotula ähnlich, doch mit weniger 
ausgreifenden Oberlängen und Schwüngen, wird 
die Schritt schon am Ende des XIII. Jhs. für Ur- 
kunden- und Briefregister und geschäftliche Auf- 
zeichnungen gebraucht (vgl. die Erwähnung Wal- 
thers in den Passauer Reiserechnungen: Koenneeke, 
S. 38, und das Register des Passauer Domdechan- 



51 



52 



Bischoff - Paläographie 



ten Albert Beham 1246: Arndt-Tangl 4 26; Chroust 
I, 1, 7 u. 2, 8; hier bilden die Luftlinien z. T. schon 
Schlingen). Die Konzeptschrift der Gelehrten, die, 
vielfach in Rötel, auch auf den Rändern von Uni- 
versitätshss. häufig begegnet, ist spröder und löst 
sich, bei sehr raschem Schreiben, in einzelne Striche 
auf (vgl. Thomas von Aquino: Steffens 2 95 u. 
KATTERB ACH - PELZER - SILVA - TAROUCA, 
Exempla scripturarum I, 14 mit verschiedenen 
Schriftarten; einfacher Albertus Magnus: Abb. 
bei Kirchner 46 b). Mit dem XIV. Jh. geht das 
Schriftwesen der Bücher in breiter Front zur No- 
tula über; Papier und Notula gehören in dieser 
Zeit zusammen (Beispiele bei Schum; Petzet-Glau- 
ning 57 ff.). Die Schlingenbildung nimmt auch in 
der Büchernotula überhand, die Veränderungen 
der Buchstabenkörper sind die gleichen wie in der 
Urkundenschrift, aber die Schrift ist bescheidener 
als die Notula der Kanzleien, und die Stilunter- 
schiede schwächer. Es fällt auf, wenn eine reine 
Notarschrift literarisch verwendet wird, wie in 
der Reinschrift des Johannes von Viktring (ca. 
1342, Arndt-Tangl 4 27), dem Rudolf von Ems 
Pal. germ. 146 (DTdMA. 20, Taf. 3), dem Berliner 
Parzivalfragment (Degering 92) und der Sammel- 
hs. Cgm 717 (Petzet-Glauning 56; Eis 29). 
Schlichte Notula ist auch die Schrift der städtischen 
Verwaltung und bürgerlichen Buchführung (vgl. 
die Abb. von Geschäftsbüchern bei FR. BASTIAN, 
Das Runtingerbuch 1383—1407, I [1944], zu 
S. 240, 256, 264, 328 usw.). 

Lehrreich für die Freiheiten persönlicher Schrift, 
die neue Formen hervorbringt, ist die Konzept- 
kursive des Abtes Johann von Viktring (Arndt- 
Tangl 4 27); beim g sind die rechte obere und die 
linke untere Hälfte in einem Zuge zusammen- 
gefaßt (auch sonst im XIV. Jh. belegt: Petzet- 
Glauning 35 Sp. 1, 9; 44; 52; 53). 

Um die Wende vom XIV. zum XV. Jh. sinkt 
die Büchernotula zusammen (in Urkunden z. B. 
schon Chroust II, 17, 10b und 18, la von 1362 
und 1360): man will jetzt runde Schlingen schrei- 
ben; eine Folge ist die Möglichkeit der Verwechs- 
lung von b und v, von lb und w. Auch im XV. 
Jh. bestehen ganz bescheidene Notulaformen fort 
(z. B. Crous-Kirchner, Abb. 33, 37, 42 u. a.) und 
werden nach Bedarf auch von Schreibern, die eine 
Bastarda beherrschen, gebraucht (vgl. die beiden 
Schriften des Chronisten Andreas von Regensburg: 
Chroust I, 6, 6). Sie münden in die Kurrentschrift 
des XVI. Jhs. — Vgl. Abb. 8. 

Bei dem breiten Leben dieser Schrift, bei der 
unablässigen Zunahme des Schriftverkehrs und 
dem Anwachsen der Registraturen, bei der im- 
mensen Schreibtätigkeit an den Universitäten und 
in den Orden konnte es nicht ausbleiben, daß auch 
in der Bildungsweise der Buchstaben Veränderun- 



gen eintraten, indem die Feder auf dem Papier 
blieb oder bequemere Wege suchte. Außer der 
Schlingen- und Schleifenbildung seien einige wei- 
tere genannt; manche wirken auf die Textura zu- 
rück. So entstand im späten XIII. Jh. durch Mit- 
führen der Luftlinie das „zweistöckige" a, das 
auch im XIV. Jh. häufig bleibt. Verschiedene 
Richtungsänderungen sind bei g zu beobachten: im 

XV. Jh. wird häufig die Unterlänge schwungvoll 
hochgeführt, so daß sie den Buchstaben oben flach 
schließt und zugleich als Schopf dient (z. B. Crous- 
Kirchner, Abb. 42; für eine andere Form s. o. zu 
Joh. von Viktring). Andere Richtungsänderungen 
erfolgen im XV. Jh. bei dem runden s, das aus 
einem Strich oder Bogen links und einer flachen 3 
besteht (a. a. O.) oder von unten nach oben ge- 
schrieben wird (a. a. O. 33). Eine neue Ligatur 
entsteht in sz. Sehr stark, bis zur Unkenntlichkeit, 
verändern sich die Großbuchstaben (Versalien) be- 
sonders im XIV. und XV. Jh., durch sehnenartige 
Zierstriche, Verdopplung und Schleifenbildung; 
seit dem späten XIV. Jh. treten die modischen 
Anschwünge in Form eines Hornes oder des „Ele- 
fantenrüssels" auf. 

Gegenüber dem dt. Schriftwesen des XIV. Jhs. 
stellt jenes des XV. Jhs. sich mit einem verwirren- 
den Reichtum an Formen und Typen dar. Vor 
allem die Notula ist durch Streckung und Ver- 
größerung, durch gebrochene oder gerundete Stili- 
sierung, durch Unterdrückung der Schlingen und 
auf mannigfache andere Weise variiert worden. 
Diese Vielheit, wenn nicht hervorgebracht, so doch 
gemehrt und eine Nomenklatur für sie erdacht zu 
haben, ist das Werk der Schreibmeister, denen im 

XVI. Jh. einer ihrer Zunft, Wolfgang Fugger, 
nachsagt, daß sie die Schrift „biegen, krümmen, 
radbrechen, hengken, köpffen und auff steltzen 
machen gehn" (Ein nutzlich und wolgegründt 
Formular [1553] Bl. k IV^). Die erhaltenen 
Schreibmeisterblätter, z. B. das des Johannes Ha- 
gen (Crous-Kirchner, Abb. 30), das außer vier 
Arten Textura Notula simplex, N. acuta, N. frac- 
turarum, N. conclavata, eine andere Notulaart, 
Separatus, Bastardus, und eine Ubergangsschrift 
enthält, zeugen für die Sucht nach künstlicher 
Veränderung schon in der 1. Hälfte des XV. Jhs. 

Diese erstreckt sich auch auf die Buchschrift, 
für die neben den schlichten Notula schwerere 
Schriften neu geschaffen werden, die durch ge- 
schlossenere Ordnung im Ausdruck der Textura 
sich nähern, z. B. die gedrungene, dicke, nahezu 
quadratisch aufgebaute Kölner Schrift (Crous- 
Kirchner, Abb. 45 u. 46), die nächstverwandt auch 
in Holland herrscht (ebd., Abb. 49 u. 50), wo der 
Name Bastarda dafür überliefert ist; es sind Ba- 
starden in dem Sinne, daß sie Eigenschaften zweier 
Schriftgenera vereinigen, ebenso wie die lettre 



53 



54 



II. Geschichte der lateinischen um! deutsdien Schreibsdirift bis zum Ende des Mittelalters 



bettarde, die Buchschrift der westlichen Höfe, die 
im XV. Jh. durch preziöse Stilisierung französisch- 
burgundischer Kanzlcischrift entstand (ebd., Abb. 
Kirchner 49b). 

Der von J. Kirchner begonnene \ ersuch, die 
landschaftlichen Unterschiede dt. Notula- und Ba- 
stardaschriften des XV. Jhs. (von ihm sämtlidi als 
„Bastarda" bezeichnet) herauszuarbeiten: „ober- 
rheinisch", „schwäbisch", „bayerisch-österreichisch", 
, .trankisch", „kölnisch", ..niederdeutsch", ver- 
diente, auf breiterer Grundlage fortgesetzt zu 
werden. Ließ doch der frühe Buchdruck, als er zu 
Bastarden überging, nach örtlichen Schritten seine 
Vorlagen schreiben. 

Um die Mitte des XV. Jhs. halten Formen der 
Goticoantiqua (s. u.) im dt. Schriftwesen ihren 
1 inzug. Ein halbes Jh. später hat der Buchdruck 
die lebendige Tradition der ma. Buchschriften 
untergraben (vgl. die seltsam künstliche Bastarda 
einer Ulmer Nonne von 1496: Crous-Kirchner, 
Abb. 36). 

Lit. zu a) und b): J. BOUSSARD, Influcnces insu- 
laires dans la formation de l'ecriturc gothique: Scripto- 
rium 5 (1951) S. 238—264; W. MEYER, Die Buch- 
stabenverbindungen der sog. gotischen Schrift (Abh. d. 
kgl. Ges. d. Wiss. zu Göttingen, Phil.-hist. Kl.; N. F. 1, 
6, 1897); J. KIRCHNER in Crous-Kirchner, S. 7—25; 
B. BISCHOFF: Nomenclature des ecritures livresques 
du IX e au XVI e siede (Paris 1954), S. 7—14; G. I. 
LIEFTINCK: ebd. S. 15—32; C. WEHMER, Die Na- 
men der gotischen Buchschriften (Diss. Berlin 1932 — 
ZblfBblw. 49); ST. HAJNAL, Vergleichende Schrift- 
proben zur Entwicklung und Verbreitung der Sdirift im 
XII. u. XIII. Jh. (Budapest— Leipzig— Milano 1943); 
ders.: Scriptorium 6 (1952), S. 177—195; ders., 
L'Enseignement de l'ecriturc aux universites medieva- 
les (Budapest 1954); H. FICHTENAU, Mensch und 
Schrift im MA. (Wien 1946) S. 186 ff.; B. KRUIT- 
WAGEN, Laatmiddeleeuwsche Palaeographica, Pa- 
laeotypica, Liturgica, Kalendalia, Grammaticalia 
('s Gravenhage 1942) S. 1 — 116; A. HESSEL: Zeit- 
schrift d. Dt. Vereins für Buchwesen u. Sdirifttum 6 
(1923) S. 89—105; ders., Die Schrift der Reidiskanzlei 
seit dem Interregnum und die Entstehung der Fraktur: 
GGN., Phil.-hist. Kl. 1937, S. 43—59; FR. UHLHORN, 
Die Großbuchstaben der sog. gotisdien Schrift mit bes. 
Berücksichtigung der Hildcshcimer Stadtschreiber (1924; 
Sonderdruck a. Zeitsdirift für Buchkunde). 

c) Die humanistische Schrift 

Für die italienischen Humanisten, die in der 
Rückkehr zu antiken Lcbcnsidcalcn und Kunst- 
formen die Erneuerung der Kultur suchten, war 
die Fliege einer klaren Schrift mehr als eine 
Äußerlichkeit, und schon Petrarca nahm eine 
treierc Stellung zum Kanon der Rotunda ein. Das 
Beispiel Poggios, der unseres Wissens als erster 
eine Irühma., von ihm für antik gehaltene Schritt 
bewußt kopierte, gab der Reform eine entschiedene 
Richtung und wurde überall in den humanistisch 
gerichteten Kreisen Italiens nachgeahmt. Andere 
Schreiber hielten /war .\n Rotunda-Formcn fest, 



nahmen aber teilweise humanistische Schreib- 
ohnhetten an. so daß Mischungen aller Grade 
entstanden (Gotico-Antiqua). Schließlich eroberte 
die humanistisdie Antiqua praktisch das ganze 
italienisdie Sduittwesen mit Ausnahme des litur- 
gischen und juristischen Bereichs. Ein besonders 
lehrreiches Beispiel humanistischer Sdirift ist der 
Tacitus-Codex von Jesi, der den .Agricola' und 
die , Germania' enthält, und zwar von ersu 
einen Teil des aus Hersfeld im XV. Jh. nach 
Italien gebrachten karolingischen Exemplars, 
durch das allein diese Texte den Humanisten be- 
kannt wurden; dieser ist vervollständigt durch 
eine indirekte Abschrift des späteren XV. Jhs. 

Das dt. Schriftwesen konnte von der neuen 
Schrift nicht unberührt bleiben. Zwar sind auf den 
Konzilien von Konstanz und Basel, die die deut- 
sdien Teilnehmer mit italienischen Humanisten, 
unter ihnen Poggio, in Berührung brachten, an- 
scheinend nur vereinzelt humanistische Anregun- 
gen aufgenommen worden. Größer sind vielleicht 
die Wirkungen, die von Aeneas Sylvius, einem der 
Apostel des Humanismus am Wiener Hofe, aus- 
gingen. Aber schon Petrus von Rosenheim, der 
spätere Melker Prior, der nach Subiaco ging, um 
die dortige Ordensreform kennenzulernen, kehrte 
mit der neuen Schrift zurück (Chroust II, 14, 1). 
und so erst recht zahlreiche dt. Studenten, die in 
Italien von den klassischen Studien gefesselt wur- 
den und ihre Schrift mehr oder weniger der 
Antiqua anpaßten: z.B. der große Büchersammler 
Hartmann Schedel (Chroust I, 10, 10) und Hie- 
ronymus Rotenpeck (Chroust I, 10, 8). Andere 
blieben in Italien und erwarben ihren Lebens- 
unterhalt. Auch gotisch-humanistische Mischschrif- 
ten dringen in Deutschland ein und rücken an die 
Stelle von Bastarda; bei dem dt. Stuhlschrciber 
Molitor läßt sich beobachten, wie der humani- 
stische Geschmadv. in seiner Schrift sich verstärkt 
(Abb.: C. WEHMER, Beiträge zur Inkunabel- 
kunde, N. F. II [1938] S. 116 f.V In der Reichs- 
kanzlei kommt die humanistische Schrift unter 
Fricdridi III. und Maximilian vereinzelt zur An- 
wendung (Kaiserurkunden in Abbildungen XI. 
26, 28, 30; vgl. auch Chroust I, 12, 8 und 13. IV 

Für rasches Sdireiben hat die reine italienische 
Humanistica bald kursivere Züge entwickelt, vor 
allem durch Ausbildung der verbindenden Stridic: 
die Unterschiede von Druck- und Haarstrich ver- 
ringerten sich, und eine betonte Reditsneigung 
wurde üblidi. Wie die Humanistica das Vorbild der 
Antiqualettern wurde, so die humanistische Kur- 
sive das der Kursivtypen. In Dcutsdiland wurde 
die humanistische Kursive bei Gelehrten der Ge- 
neration Reuchlins, des Sebastian Brant und des 
1 rasmus hcimisdi; sie war Ausdruck der neuen 
Bildung und dem Latein vorbehalten. Jedoch 



55 



56 



Bischoff - Paläographie 



schrieben noch nach der Jahrhundertwende aus- 
gesprochen humanistisch gerichtete Persönlichkeiten 
wie der 1471 geborene Mutian das Latein in einer 
dt. Schulkursive (G. MENTZ, Hss. der Reforma- 
tionszeit [1912] 2 b). Luthers frühe Lateinschrift 
war gemischt (ebd. 4 b). Die humanistisch geleitete 
Schule tat das Ihre, um die Trennung der Schriften 
zu vollenden. Im dt. Buchdruck war eine Scheidung 
nach Sprachen schon in der Mitte der 80er Jahre 
mit dem Ende der Gotico- Antiqua eingetreten; 
denn die Rotunda, die sie ablöst, wurde für das 
Lateinische verwendet, für dt. Texte dagegen Ba- 
starden mit ihren Ableitungen. Die Antiqua wurde 
erst mit der Reformationsliteratur verbreitet. — 
Vgl. Abb. 9 u. 10. 

Lit.: Battelli 3 S. 245 ff.; ders.: Nomenclature des 
ecritures livresques du IX e au XVI e siede (Paris 1954) 
S. 35—44; B. L. ULLMAN, Ancient Writing and its 
Influence (New York 1932) S. 137—144; A. HESSEL: 
Arch. f. Urk. 13 (1933) S. 1 ff.; J. P. ELDER: Studies 
in Philology 44 (1947) S. 127—139. R. TILL, Hand- 
schriftliche Untersuchungen zu Tacitus ,Agricola' und 
,Germania' m. e. Photokopie d. Cod. Aesinas (1943). — 
Anfänge humanist. Schrift in Deutschland: B. BI- 
SCHOFF: Beiträge zur Inkunabelkunde, N.F.II (1938) 
148 ff. — Dt. Schreiber in Italien: P. LIEBAERT: 
LTtalia e l'Arte straniera (Atti del X Congresso Intern, 
di Storia dell'Arte, Roma 1922) S. 200—214. 

5. Ergänzendes 
a) Die Abkürzungen 

Das ma. Abkürzungswesen ist aus doppelter 
Wurzel erwachsen: dem römischen epigraphisch- 
juristischen Gebrauch und der christlichen, sakralen 
Kürzung der „Heiligen Namen" (Dens, Iesus, 
Christus usw.). Die römische Kürzung suspendiert, 
d. h. sie läßt nur den oder die ersten Buchstaben 
eines Wortes bestehen und differenziert sie, wenn 
nötig, durch tachygraphische Symbole (z. B. quam, 
qui, quia, quod usw.); auch silbenweise wird diese 
Methode angewendet. Die christliche Kürzung, die 
nach dem hebräischen Brauch, das Tetragramm 
auszuzeichnen, in griechischen Hss. ausgebildet und 
dann in fast allen altchristlichen Sprachgemein- 
schaften nachgeahmt worden war, kontrahiert im 
Gegensatz dazu (DS, IHS, XPS usw.); sie bietet 
den Vorteil, daß durch die Andeutung der Endung 
die Kürzung gewissermaßen flektiert wird. Es war 
vor allem dieses zweite Prinzip, das im Latei- 
nischen an Ausdehnung gewann und durch Ver- 
änderungen neuen Bedürfnissen angepaßt wurde. 
In den vorkarolingischen Jhh. bildeten sich in den 
verschiedenen Schriftkreisen verschiedene Kür- 
zungssysteme heraus, von denen das irische und 
das ags. weitere tachygraphische Zeichen (z. B. für 
autem, eius, enim, est, et) aufnahmen. Die karo- 
lingische Reform wirkte auch hier ausgleichend: so 
weit die karolingische Minuskel reichte, gab es 
kaum Unterschiede; um 800 wurde die neue Ab- 



kürzung 2 = ur geschaffen, die sich rasch verbreitete. 
Es richtet sich nach der Würde einer Hs., in wel- 
chem Maße gekürzt wird: am stärksten in den Hss. 
der Schulen, wo im Zeitalter der aufblühenden 
Dialektik und intensiver grammatischer Studien 
(IX. — XII. Jh.) ein Vorrat von Kürzungen und 
ihre Anwendung befestigt wurde; in Prachthss. da- 
gegen, wie denen der Reichenauer Schule, z. T. fast 
überhaupt nicht. Unter gelehrtem Einfluß, vielleicht 
von den Iren propagiert, drang in diesen Jhh. 
eine gräzisierende Schreibung der Nomina Sacra 
vor; sie blieb nicht bei IHC, XPC und der Kurz- 
form £ stehen, sondern griff unberechtigter- 
weise auch auf spe = Spiritus, tpc = tempus, 
epc (statt eps) = episcopus, ompe = omnipotens 
über. Auch gliederte sich allmählich aus den 
verschiedenen Formen des Abkürzungsstriches 
das * für er, re und r aus. Die rasche Entfal- 
tung der Fachdisziplinen, deren Lehrbetrieb in 
den Universitäten um 1200 neu organisiert 
wurde, veränderte in sehr kurzer Zeit durch 
Schaffung neuer Kürzungen und Symbole für 
häufige Wörter und Termini, durch stärkere Aus- 
nützung der grammatischen Struktur des Latei- 
nischen und durch weitgehendsten Gebrauch der 
Hochstellung der Endsilben das wissenschaftliche 
Schriftwesen. Die Beweglichkeit des Systems der 
Kürzungen wurde gesteigert; bot sich früher dem 
Schreiber im ganzen ein fester, erlernbarer Bestand 
dar, so gab man ihm jetzt die Mittel in die Hand, 
die Kürzungen sich selbst zu bilden. Das akustische 
Moment trat stärker hervor, besonders in der 
Kürzung von m, n und r, und in Worten mit a. 
Zu den „kursiven" Möglichkeiten der Notula ge- 
hörte es, daß die Abkürzungszeichen schon im 
XIII. Jh. unter Mitführung der Luftlinie vom 
zugehörigen Buchstaben aus geschrieben wurden, 
ebenso der allgemeine Abkürzungsstrich (z. B. 
Chroust I, 1, 7a: Register des Albert Beham 
1246/7); später (seit dem Ende des XIV. Jhs.) 
wurde dieser einfach von rechts nach links zurück- 
geschlagen. 

Fast gänzlich abhängig von dem geschmeidigen 
lat. Kürzungswesen und, an ihm gemessen, nur 
einfachster Art sind die Abkürzungen, die in dt. 
Texten gebraucht werden: -m, -n, -er (später auch 
-r), -ur; Ausfall von -r- (hinter p u. a., durch 
Hochstellen des folgenden Vokals gekürzt); und 
einiges andere (vgl. z. B. ,Flos und Blancheflos': 
Koennecke, S. 19). Unverändert aus dem La- 
teinischen herübergenommen ist auch un (lat. = 
unde) für dt. unde, später für und (daneben 
selten v ). Das Eigenste sind die Kürzungen de, 
wc für daz, waz (in der Manessischen Hs., doch 
nicht auf Zürich beschränkt; im XIII. Jh.: Petzet- 
Glauning 37 und 46); später häufig dz und wz. 
Nur einzelne Schreiber bilden die deutschen For- 



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58 



II. Geschichte der lateinischen und deutschen Schreibschrift bis /um Fnde des Mittelalters 



ruen und Ableitungen von lesus und Christus wie 
\.\i. Nomina Sacra: /. B. der des ahd. Isidor 
(ihuses, xpist und xrist, usw.), der romanische 
Schreiber des Nithard in den Straßburger Eiden 
(xpanes folebes) und eine Hs. der Sächsischen 
Weltchronik (Degering 84: xpenbeit u. a.). 

I i ist wohl eine Folge des akustischen Prinzips 
beim Kürzen, zusammen mit der vorhandenen 
Neigung zur Konsonantenhäufung, daß man in 
dt. Schritten des XV. Jhs. nicht selten ein m, n 
oder r, das schon als Buchstabe geschrieben war, 
durch das entsprechende Kürzungszeichen noch- 
mals unnötig zum Ausdruck brachte (z. B. Chroust 
[,1,9 von' 1435). In dt. Kursiven des XV. Jhs. 
sind die Kürzungszeichen für -r- und -e- (z. B. in 
-lln) regelmäßig angebunden bzw. vom verlänger- 
ten letzten Schaft her von unten durchgezogen; in 
der 2. Hälfte des Jhs. bringt die flüchtige Kon- 
zeptkursive eine neue Abkürzung für die Endung 
-en hervor, in einem energischen Schwung nach 
unten (z.B. Chroust I, 1, 10). Für die Unvoll- 
kommenheit des dt. Kürzungswesens ist es aber 
bezeichnend, daß Stephan Roth und Georg Rörer, 
wenn sie Luthers dt. Predigten mitschrieben, dies 
größtenteils in improvisierter lat. Übersetzung 
taten (vgl. CHR. JOHNEN, Geschichte der 
Stenographie I [1911] S. 293 ff. mit Abb.). Die im 
Deutschen geläufige Art, häufige Wörter nur durch 
den oder die Anfangsbuchstaben zu kürzen, ist 
seit dem XII. Jh. oft belegt (h. oder beil.; sp. = 
spricht, Petzet-Glauning 49b; usw.). Merkwürdig 
ist die im VIII. /IX. Jh. im alemannisch-baye- 
risdien Gebiet verbreitete Methode, Wörter nur 
durch das Wortende anzudeuten (Glossen und Be- 
nediktinerregel, hier z. T. mit Anfangskürzung 
kombiniert: tin = truhtin, ke ti — kescrifti, audi 
k = keuuisso; BAESECKE, Abrogans, Taf. 1—5; 
Eis 7). Ganz außerhalb des lateinischen Systems 
liegt auch die musikalisch zu verstehende Schrei- 
bung bekannter Wendungen oder Bibelworte nur 
durch die Vokale wie a e u i a (alleluia; diese Art 
häufig in Clm 18140, vgl. STEINMEYER: Fest- 
schrift der Universität Erlangen zur Feier d. 80. 
Geb. d. Prinzreg. Luitpold IV, 1 [1901] S. 17 ff.). 

Lit.: L. TRAUBE, Vorlesungen und Abhandlungen I 
(1909) S. 129—156; ders., Nomina Sacra (1907); L. 
SCHIAPARELLI, Awiamento allo studio dclle abbre- 
viaturc latine nel medioevo (Firenze 1926); BATTELLI, 
Lezioni», S. 101 — 114; |. I.. WALTHER, Lexicon diplo- 
maticura (1747); A. CAPPEL1 I, I exicon abbreviatura- 
rum« (1928); W. M. LINDSAY, Notae latinae (Cam- 
bridge 1913); 1). BAINS, A Supplement to Notae lati- 
nae (ebd. 1936); P. LEHMANN, Sammlungen und Er- 
örterungen lateinischer Abkürzungen in Altertum und 
Mi: Abh. d. Bayer. Ak.ul. d. Wiss., Phil.-hist Abt., 
N. F. 3 (1929); der«,: MSB. 1939, H. 9, S. 17—22; 
M.-H. LAURENT, De abbreviationibus et signis scrip- 
turae Gothicae (Rom.u- 1939). 



b) Interpunktion 

Die antiken Grammatiker bis zu Isidor von 
Sevilla haben klare und einfache Vorschriften 
für die Interpunktion hinterlassen: tiefer Punkt 
(comma) für die kurze Pause, mittlerer Punkt 
(colon) für die mittlere Pause, hoher Punkt 
(periodus) für das Satzende. Statt dieses übersicht- 
lidien Systems sind im Frühma. eine große Anzahl 
von Kombinationen von Punkten und Virgula 
geschaffen und in verwirrender Mannigfaltigkeit 
verwendet worden. In karolingischer Zeit dürften 
. und .' für die kleine und ., oder ; oder ',' für die 
große Pause vorherrschen. Eine Anzahl von Schu- 
len (z. B. Regensburg, Freising, westliche Schulen 
wie St. Amand) geht im IX. Jh. zu dem verein- 
fachten Isidorischen System über: tiefer Punkt für 
kleine, hoher Punkt für die große Pause, und 
dieses ist auch vorwiegend in den liturgischen 
Prachtcodices des X./ XI. Jhs. angewandt. Das 
System wird vervollständigt durch Fragezeichen. 
Dieses hat, seit es — zuerst vielleicht in 
den Hss. der Maurdramnus-Minuskel und der 
Hofschule — auftritt, deutlich die Form eines 
geschwungenen oder gebrochenen Zeichens mit 
musikalischem Wert. Die Gestalten, die es an- 
nimmt, sind vom IX. bis XII. Jh. sehr verschie- 
denartig; vielfach aber stimmen sie mit der gleich- 
zeitig gebrauchten Form der Neume Quilismj. das 
ma. Musikschriftsteller als „zitternde und stei- 
gende Tonverbindung" beschreiben, überein, was 
die Auffassung als Tonzeichen unterstreicht. Wohl 
aus Westfrankreich stammt ein differenziertes Sy- 
stem liturgischer Interpunktion: (ansteigend ge- 
ordnet: . .' 7 .). Dadurch, daß dieses System im 
Zisterzienserorden auf den gesamten Bereich der 
iür die Tischlesung herangezogenen Literatur 
übertragen wurde, ist es ein widitiges Hilfsmittel 
für die Feststellung von Zisterzienserhss. des XII. 
und XIII. Jhs. Für die Liturgie übernehmen es 
audi die Dominikaner. Im Spätma. begegnet das 
System, zu dem teilweise ; oder : hinzutritt, audi 
bei den Kartäusern, von denen die Devotio mo- 
derna es übernimmt: so gebraucht es z. B. Thomas 
a Kempis (vgl. die Abb. in der Ausgabe der 
, Opera' von M. POHI ; Degering 101), der jedodi 
in ndl. Texten nur den Punkt verwendet. Mit 
dem Humanismus kommen in Italien neue Inter- 
punktionsregeln auf, die die humanistisdi beein- 
flußten Übersetzer Nikolaus von Wvle, Stein- 
höwcl u. a. sinngemäß auf das Deutsdie zu über- 
tragen suchen. Spätestens im frühen IX. Jh. liegen 
die Anfänge des ahd. Akzents) stems. Von Notker 
ausgestaltet, rindet es weite Verbreitung; 
seine Aufgabe ist eine doppelte: teils die Be- 
tonung zu regeln, teils die Vokalquantitäten test- 
zuhalten. Das Ausrufungszeidien tritt erst im 



59 



60 



Bischoff - Paläographie 



XVI. Jh auf. Das Kapitelzeichen €T und der § 
sind ma. Verwandlungen des antiken T -förmigen 
Paragraphzeichens. Silbentrennung durch einen 
Strich am Zeilenende wird erst vom XI. Jh., 
durch Doppelstrich vom XIV. Jh. an allgemeiner 
üblich. Streichung wird im Frühma. mittels über- 
oder untergeschriebener Punkte vorgenommen. 
Auf diese Art behilft sich Otfrid um die Syn- 
alöphe in seinen Versen graphisch auszudrücken. 
Der Hinzufügung von Ausgelassenem dienen will- 
kürliche Zeichen oder Buchstaben, die ursprüng- 
lich lokale Bedeutung haben und vun der Text- 
stelle zur Ergänzung hinführen; diese Buch- 
staben sind z. T. für bestimmte Schreibschulen 
charakteristisch (z. B. hl für Lorsch und Weißen- 
burg), ebenso bisweilen andere Verweisungs- 
zeichen (u. a. Runen im Cod. Bonif. 1, vgl. 
Steffens 2 21a). 

Sehr langsam hat sich die Worttrennung aus- 
gebildet. Das Bedürfnis danach, das im antiken 
Schriftwesen fehlt, meldet sich wohl zuerst bei 
Kelten und Germanen, und so scheinen die In- 
sularen als erste danach gestrebt zu haben. In 
der karolingischen Renaissance ist es noch allge- 
mein üblich, Präpositionen und andere kurze 
Wörter zum folgenden zu ziehen. Vom XII. Jh. 
an ist die Trennung meist ganz deutlich. 

Lit.: BATTELLI, Lezioni 3 , S. 212 ff.; P. WAGNER, 
Neumenkunde 2 : II (1912) S. 82 ff.; B. KRUITWAGEN, 
Laat-middeleeuwsche Palaeografica, Palaeotypica, Li- 
turgica, Kalendalia, Grammaticalia ('s Gravenhage 
1942) S. 62 ff., 70 ff.; J. MÜLLER, Quellenschriften zur 
Geschichte des deutschsprachlichen Unterrichts bis zur 
Mitte des 16. Jhs. (1882) S. 7 ff., 14 ff., 277 ff.; P. LEH- 
MANN, Erforschung des MA.s (1941) S. 24 f.; R. NE- 
WALD: Festschrift Hans Vollmer (1941), S. 14 ff.; Ak- 
zente: P. SIEVERS, Die Accente in ahd. u. as. Hss. 
(1909). §-Zeichen: P. LEHMANN: MSB. 1939, H. 9, 
S. 14 f. Ergänzungszeichen: E. A. LOWE: Miscell. Giov. 
Mercati 6 (Studi e Testi 126, Vatic. 1946), S. 36—79. 

c) Musikalische Notation 

Die älteste Form musikalischer Aufzeichnung 
im ma. Abendland, die über die Regelung des 
Tonfalls bei der liturgischen Lesung hinausgeht 
(s. Interpunktion), stellen die lateinischen Neu- 
mcn dar, unter deren Systemen für Mitteleuropa 
nur das letztlich von Rom ausgehende maßgebend 
geworden ist. Hinter ihm liegt eine christlich- 
orientalische Grundschicht; es ist aber besonders 
in Anlehnung an die lateinischen grammatischen 
Akzente stilisiert („Akzentneumen") und unter 
dem Einfluß byzantinischer Musikschrift ausge- 
staltet worden. Die Namen der über 40 Zeichen 
des Systems sind großenteils griechisch; den For- 
men nach werden sie in Strich- und Hakenneumen 
untcrgeteilt. Kein überliefertes Beispiel ist mit 
Sicherheit vor dem IX. Jh. anzusetzen. Das älteste 
auf dt. Boden entstandene stammt wohl aus 
Regensburg um 820—830 (Abb.: Schreibschulen I, 



Taf. 6d); etwa dem frühen X. Jh. gehört das 
Petrus-Lied an (Petzet-Glauning 9). 

Der schwerwiegendste Nachteil der ursprüng- 
lichen Neumenschrift ist es, daß sie zwar die Be- 
wegungen der Melodie ungefähr wiedergibt, nicht 
aber die genauen Tonschritte festhält. Zahlreiche 
Wege sind eingeschlagen worden, ihn zu beheben. 
So hat man sich, besonders in der theoretischen 
Musikliteratur, aber auch zur Aufzeichnung von 
Melodien, verschiedener Buchstabenreihen bedient, 
die die Töne bezeichnen, z. B. noch bei den Liedern, 
die der ,Minne Regel' des Eberhard Cersne an- 
gehängt sind. In anderer Weise hat man durch 
Buchstaben, die der Neumierung beigeschrieben 
sind, diese in melodischer und rhythmischer Be- 
ziehung verdeutlichen wollen; über diese „Roma- 
nus-Buchstaben" unterrichtet Notker der Stamm- 
ler in einem Briefe (Kommentar bei Wagner, 
S. 233 ff. m. Abb.; vgl. z. B. Steffens 2 , 70b). 

Eine Lösung des Problems, in der Neumen- 
schrift die Intervalle eindeutig festzulegen (Dia- 
stematie), fand nach früheren unvollkommenen 
Versuchen erst Guido von Arezzo (XL Jh., 1. H.), 
indem er die Neumen auf ein System von vier 
Linien übertrug und dabei die c- und f-Linie 
durch Farben differenzierte; durch Verschiebung 
dieser Linien konnte die Tonlage verändert wer- 
den. Der ursprüngliche Bewegungscharakter der 
Neumen begünstigte die Anpassung an das Linien- 
system. Diese praktische Erfindung, die im Prinzip 
noch die heutige Notenschrift beherrscht, wurde 
bereits im XII. Jh. von deutschen Schulen wie der 
Reichenau übernommen. Es hat aber bis ins XV. 
Jh. gedauert, ehe sie sich überall durchsetzte (Abb. 
Wagner, S. 220); besonders lange hat St. Gallen, 
dessen reiche musikalische Überlieferung aus dem 
X. und XL Jh. von überragender Bedeutung ist, 
an den linienlosen Neumen festgehalten, die längst 
der Vergröberung anheimgefallen waren (Beispiele 
auch im Codex-Buranus: Koennecke, S. 20; W. 
MEYER, Fragmenta Burana [1901]). Ein zweites 
altes Zentrum der kirchlichen Musikpflege und 
-Überlieferung ist Metz, von wo aus eine abwei- 
chende Form der Neumen sich nach Luxemburg, 
Belgien, Nordfrankreich und auch nach Süd- 
deutschland verbreitete (Abb.: Wagner, S. 195, 
197; Wolf, S. 137). 

Die Choralnotation auf Linien entwickelt sich, 
paläographisch gesehen, im späteren MA. in zwei 
typischen Formen: der gotischen Choralnotation, 
die im größten Teil von Deutschland und in sei- 
nem östlichen Einflußbereich vorherrscht, und der 
romanischen „römischen" Quadratnotenschrift. 
Erstcre ist eine Stilisierung der Neumen im Sinne 
der gotischen Textura: die Virga, die Normalnote 
für den alleinstehenden Ton, wird stark und senk- 
recht geschrieben und erhält ein Fähnchen, die 



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62 



II. Geschichte der lateinischen und deutschen Schreibschrift bis zum I nde dei Mittelalters 



n werden gebrochen (Abb.: Wagner, S. 337 ff.). 
Eine späte Phase ist die »Huf nagelschrif t" des XV. 
und XVI. Jlis.: die ipitzzulaufenden Virgac sind 
mit einem rhombischen Köpfchen versehen (Abb.: 
er, S.340; WbH I. S. 127). Die komplizier- 
teren Ligaturen treten oft ;-;.inz zurück (z. B. Hugo 
\on Montfort: Koennecke, S. 53; Wolf 1, S. 177). 

Die Quadratnotenschrift entsteht im späteren 
XII. Jh. in Nordfrankreich; ihre Form ist eben- 
falls durch eine gotische Stilisierung der Strich- 
neumen bedingt: die Betonung des Gegensatzes 
zwischen senkrechtem Haarstrich und zusammen- 
gezogenem Druck bzw. druckstarkem Punkt. 
Dieser Druck oder Punkt wird schon im XIII. Jh. 
sorgfältig mit breiter Feder quadratisch gezogen. 
Damit hat die Schrift jene Gestalt erreicht, in der 
sie zur herrschenden romanischen Notenschritt des 
Spätma.s wird, die auch nach England und den 
nordischen Ländern übergreift. Nach Deutschland 
gelangt sie vor allem durch die liturgischen 
Bücher der Zisterzienser und Dominikaner. Sie 
wird auch hier gelegentlich zur Aufzeichnung 
weltlicher Melodien verwendet, z. B. in der pracht- 
vollen Jenaer Liederhs. (Faksimileausg. 1896). 

Der zweite Mangel der Neumenschrift, den die 
Choralnotation teilt, ist der ungenügende Ausdruck 
der rhythmischen oder metrischen Werte. Erst im 
Zusammenhang mit der theoretischen Klärung des 
Verhältnisses von Melodie und Rhythmus (modus) 
der lat. und roman. Dichtung wird nach unsyste- 
matischen Versuchen um 1260 von den Frankonen, 
zwei Musiktheoretikern des gleichen Namens, eine 
streng geregelte Skala der Notenwerte von der 
duplex bis zur semibrevis sowie der Pausensym- 
bole entwickelt und so die Mensuralnotation auf 
eine sichere Grundlage gestellt. Ligaturen und 
Konjunkturen, die Nachbildungen der kompli- 
zierteren Neumenformen, werden damit aber noch 
keineswegs ausgeschaltet. Seit etwa 1300 wird rote 
Notenschrift neben der schwarzen bei verschiede- 
nen Gelegenheiten zur Unterscheidung angewen- 
det, z. B. bei einem Wechsel des Rhythmus oder 
für die kleinsten Werte (z. B. Oswald von Wolken- 
stein: Koennecke, S. 52); der Vereinfachung zuliebe 
bediente man sich dafür später „weißer", d. h. im 
Inneren leergclasscner Noten. Um die Mitte des 
XV. Jhs. findet die Umstellung von den „schwar- 
zen" Noten au! die „weißen" und umgekehrt 
statt, d. h. die größeren bisher schwarz ausgefüll- 
ten Noten (Balken, Quadrate und Rauten) wer- 
den nunmehr nur in Umrißlinien geschrieben, da- 
gegen die kleinsten, bisher leeren Rauten nunmehr 
ausgefüllt. Das I.ochhcimcr l iederbuch ist eins der 
ersten Denkmäler dieser Art (vgl. Wolf I, S. 385 
mit 183). 

Die allmähliche Vervollkommnung der ma. 
Choralnotation bat eine eigentümliche Rückwir- 



kung auf das Buchwesen gehabt. Mit der eindeuti- 
gen Bezeichnung der Tonsdiritte wurde ein Abi. 
der Melodie an Stelle der rein gedächtnismäßigen 
Beherrschung möglich; dies war die Voraussetzung 
für das Bestreben, die kirdilidien Gesangbücher 
und die Noten derart zu vergrößern, daß mög- 
lichst viele ein und dasselbe Buch benützen konn- 
ten. So wachsen die Bücher seit dem XIII. Jh., 
und am Ende des Ma.s treffen wir in großer Zahl 
die riesigen Antiphonarien, die für einen ganzen 
Chor ausreichen. 

Lit. : Paleographie musicalc (Solesmes (1889 ff.), bes. 
Bd. 23 (1891 f.); P. WAGNER, Neumcnkunde* (1 
J. WOLF, Handbuch der Notationskunde I (1913); 
ders., Musikalische Schrifttafeln (1922 3); G. M. SUN- 
YOL, Introduction a la Paleographie musicale grego- 
rienne (Tournai 1935; vorher katalan., Montscrrat 
1925); Battelli 3 , S. 215 ff. 

d) Die Zahlzeichen 

Da die Formen der römischen Zahlzeichen sich 
im allgemeinen von der Schrift nicht abheben 
konnten, sind sie in frühma. Hss. zwischen Punkte 
gesetzt. Es wird für M (nach dem Aussterben einer 
Kursivform « ) regelmäßig, für die übrigen in 
zunehmendem Maße Majuskel gebraucht. V ist 
karolingisch häufig u, ein G-ähnliches Zeichen für 
VI (griechischen oder kursiven Ursprungs) stirbt 
wohl im VIII. Jh. aus. Bei Ordinalzahlen, selte- 
ner bei Kardinalzahlen werden sehr häufig die 
Endungen übergeschrieben. Im Spätma. werden 
auch XX und C hochgestellt ; : xx 122; iii c 

= 300, usw.), ersteres jedoch wohl nur im roma- 
nischen Sprachgebiet. Antike Bruchzeichen werden 
im MA. mehr studiert als praktisch angewendet. 
Im Spätma. markiert allgemein die Durchkreu- 
zung, daß die letzte Einheit halbiert ist. 

Die indisch-arabischen Ziffern, die im X. Jh. 
in westarabisdier Gestalt in lateinischen Hss. 
Spaniens auftauchen, werden von Gcrbert von 
Reims als Beschriftung für Redienmarken ver- 
wendet, ohne die und ohne Kenntnis des Stellen- 
wertes; mit diesen wird das Abendland erst im 
XII. Jh. durch Übersetzungen arabisdier Rechcn- 
lehren (,Algorismus' nach dem Mathematiker Mo- 
hammed ben Musa al-Kharizmi) bekannt. Die 
ältesten dt. Beispiele sind ein Salzburger Kom- 
putus von 1143 (Arndt-TangH 26a) und eine 
Regensburger 1 ls. saec. XII. ex. (ebd. 23b). Audi 
die wenigen Beispiele der ..ostarabisdien" Formen 
stammen aus dem XII. Jh. (Schum, Abb. 13). In 
den praktischen Gebrauch haben sidi die Ziffern 
langsam eingeführt, vom Geldwesen wurden sie 
hie und d.\ bis ins XV. Jh. durdi Verbote aus- 
geschlossen. Bezeichnend für die Schwierigkeiten, 
denen ihre Aufnahme begegnete, sind auch die 
Mischungen römischer und arabischer Ziffern wie 
MCCCC7 und die schweren Irrtümer, die Null 



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64 



Bischoff - Paläographie 



und Stellenwert verursachten (21, 31 statt 12, 13; 
101 statt 11, usw.). Die Ziffern 4, 5 und 7 neh- 
men im allgemeinen erst im späteren XV. Jh. eine 
der heutigen ähnliche Form an. Weit verstreut, 
auch in Deutschland, sind die Zeugnisse für die 
Kenntnis eines „griechischen" oder „chaldäischen" 
Systems, in dem 1 — 4stellige Zahlen durch ein 
Symbol geschrieben werden, und das zugleich ein 
Bindeglied zwischen ma. und neuerer Stenographie 
darstellt. 

Lit.: WATTENBACH, Anleitung 4 , S. 97—105; 
BATTELLI, Lezioni 3 , S. 218 f.; G. F. HILL, The deve- 
lopment of Arabic Numerais in Europe exhibited in 
64 tables (Oxford 1915). „Griech." Zahlzeichen: B. BI- 
SCHOFF: Scritti di paleografia e diplomatica in onore 
Vincenzo Federici (Firenze 1945) S. 325 — 334. 

e) Geheimschriften 

Ein eigentümliches spielerisches Verhältnis hat 
das MA. zur Geheimschrift. Man bediente sich 
ihrer in vielen Fällen, in denen eine wirkliche 
Verschleierung weder begründet noch ernsthaft 
beabsichtigt war, und benützte meist sehr durch- 
sichtige Methoden. Das dt. Schriftwesen ist be- 
sonders reich daran. Nach dem kleinen, von 
M. Goldast unter dem Namen des Hrabanus 
Maurus veröffentlichten Traktat ,De inventione 
linguarurri (statt litterarum?) war Bonifaz der 
Vermittler zweier Geheimschriften, in denen nur 
die Vokale a e i o u durch Punkte : • •:::•: 
oder durch die folgenden Konsonanten b f k p x 
ausgedrückt wurden; letzteres geht auf die Antike 
zurück. Englische Belege der Anwendung dieser 
Schriften machen die Tradition wahrscheinlich. In 
Deutschland sind seit dem IX. Jh. zahllose ahd. 
Glossen nach beiden Systemen geschrieben worden 
(z. B. Petzet-Glauning 12). Andere bedienen sich 
der Zahlzeichen, für die Vokale, oder für die 
Buchstaben nach deren Position im Alphabet. Eine 
weitere Quelle für Geheimschriften waren fremde 
Alphabete, wie sie in dem erwähnten Traktat und 
anderen Zusammenstellungen in Hss. nicht selten 
sind: Runen (in jüngeren Hss. öfters als „syrisch", 
„arabisch" oder „sarazenisch" bezeichnet!, z. B. 
Clm 14436, f. 1 saec. XI), Griechisch, Hebräisch, 
das Alphabet des sogenannten Aethicus Hister. 
Dazu kommen frei erdachte Zeichenalphabete, die 
für den privaten Gebrauch des einzelnen Schreibers 
oder als Chiffre gedient haben können. Eine be- 
liebte Methode ist endlich die wort- oder silben- 
weise Umkehrung. Auch die Verquickung mehrerer 
Methoden kommt vor. Angewandt finden sich Ge- 
heimschriften im späteren MA. vor allem in Schrei- 
berunterschriften, in Rezepten und Segen, beson- 
ders abergläubischer Art usw. 

Lit.: B. BISCHOFF, Übersicht über die nicht- 
diplomatischen Gcheimsdiriften des MA.s (1954; auch 
in MIÖG. 62); A. MEISTER, Die Anfänge der diplo- 



matischen Geheimschrift (1902); R. DEROLEZ, Runica 
Manuscripta (Brügge 1954). 

f) Die Buchmalerei 

Geschichtlich, methodisch und inhaltlich unlös- 
bar mit Buch und Schrift des MA.s verbunden ist 
die Buchmalerei; denn das MA. ist in besonderem 
Maße ein Zeitalter der Buchkunst. Wenn im Früh- 
ma. die großartigen Leistungen der Buchmaler, 
selbst Initialen, und auf der anderen Seite die 
Schriftkunst jede für sich bewundernswert sind, 
selten dagegen — etwa im Lindisfarne-Evange- 
liar — ein Ganzes sich ergibt, so gelingt es der 
gotischen Zeit, die Schrift, die selbst bewußte 
Form ist, und den Initial- und Bildschmuck, der 
mit belebten Ranken oder prachvollen Rahmen 
den Schriftkörper umgreift, zum Gesamtkunstwerk 
der geschmückten Buchseite zu erheben. Äußere 
Gründe verhindern, an dieser Stelle auch nur einen 
Abriß der Entwicklung der Buchmalerei nach Län- 
dern und Schulen zu geben, deren Schwerpunkte 
oft andere sind als die der Schriftgeschichte; 
wenige Hinweise auf die enge inhaltliche Ver- 
knüpfung mit dem ma. Buchwesen müssen ge- 
nügen. 

Wie antike, altchristliche und byzantinische 
Illustrationsreihen (zu Terenz, Sternbüchern, dem 
,Physiologus', Fabeln, Kalendern, biblischen Bü- 
chern, Prudentius usw.) sich in Kopien fortsetzen, 
so werden schon im Frühma. einfache Bilderfolgen 
zur Apokalypse und zu Legenden und Wbrtillustra- 
tionen zum Psalter geschaffen. Die Enzyklopädien 
des Hrabanus Maurus und der Herrad von Lands- 
berg (,Hortus Deliciarum') werden illustriert. 
Vom XI./XII. Jh. an wird selbst die Zeitgeschichte 
Gegenstand der Illustration (z. B. Donizos ,Vita 
Mathildis', Frutolf, Otto von Freising, Codex 
Balduineus). Dankbare Aufgaben stellte die Illu- 
stration der Dichtung in den Volkssprachen, die 
im Mhd. zuerst dem Rolandslied, der ,Eneit* und 
den ,Driu liet von der maget' des Priesters Wern- 
her zuteil wird. Im späten MA. ist sie auch für 
die „Volkshss." aus den städtischen Werkstätten 
Süddeutschlands typisch (Hundeshagensche Nibe- 
lungenhs. usw.). In einer anderen antiken und 
altchristlichen Tradition stehen die Autorenbilder, 
die in den Liederhss. sich weit über die Schablone 
zu lebensvoller Charakteristik erheben. Den Au- 
torenbildern ähnlich wird die Setzung des Rechts 
durch die Gesetzgeber im Bilde dargestellt; seine 
Anwendung ist in den kulturgeschichtlich wich- 
tigen Bildern zum , Sachsenspiegel' eindringlich 
verdeutlicht. Unter Ludwig dem Bayern sind 
Rechtsakte auch in den rcichgeschmückten Kopf- 
zeilcn von Diplomen dargestellt (z. B. Arndt- 
Tangl 4 94). 

Die Miniatur hat jedoch nicht nur illustrative 



65 



66 



II Geschichte der lateinischen und deutschen Sdireibschrift bis zum Ende des Mittelalters 



und belehrende Aufgaben zu erfüllen. Schon die 
häufigen Schreiber- und Dcdik.uionsbilder haben 
oft ausgesprochen den Sinn eines Gebetes um 1 ür- 
bitte. I ür den Maler ist die Arbeit an religiösen 
Miniaturen zugleich Gottesdienst; sie ist Sichtbar- 
machung von Offenbarung und Geheimnissen 
(Uta-Codex; ,ßiblia Paupcrum'). Selbst die Zier- 
seiter] mit dem Krcu/motiv und die majestätischen 
Initialen in insularen, karolingischen und otto- 
nischen Evangelienhss. sind Ausdruck der Ver- 
ehrung vor dem göttlichen Wort, nicht nur vir- 
tuoses Spiel mit Linie und Farbe, ebenso wie die 
Monogramme U(ere)-D(ignum) und TE(igitur) 
der Sakramentare, die den Kanonbildern der 
Missalien entsprechen und sie vorbereiten, zum 
Höhepunkt der Meßfeier hinführen. Um die 
Bilder der Psalterien und der Gebetbücher kreist 
die Andacht des Einzelnen, wenn sie auch im 
Spätma. in unfaßbarer Weise mit den ungebun- 
densten Drolerien verziert sind. 

Lit.: A. BOECKLER, Abendländische Miniaturen 
bis zum Ausgang der romanischen Zeit (1930); ders. 
u. A. A. SCHMID: Handbuch der Bibliothekswissen- 
schaft I 2 (1950 ff.), S. 249— 387; ders. u. H. WEGE- 
NER: Reallexikon zur dt. Kunstgeschichte II, Sp. 1420 
bis 1524; H. JANTZEN: Hist. JB. 1940, S. 507— 513. 



Wichtigste Literatur 

Darstellungen: W. WATTENBACH, Anleitung 
zur lat. Paläographie 4 (1886; abgek.: Wattenbach, An- 
leitung); ders., Das Schriftwesen im MA. 3 (1896; 
abgek.: Wättenbach, Schriftwesen 4 ). L. TRAUBE, Vor- 
lesungen u. Abhandlungen I— III (1909—20). K. 
BRANDI, Unsere Schrift (1911). E. M. THOMPSON, 
Anlntroduction to Greek and Latin Palcography (Ox- 
ford 1912). P. LEHMANN, Lat. Paläographie bis zum 
Siege der karolingischen Minuskel: Gercke-Norden, Ein- 
leitung in die Altertumswissenschaft I 3 (1927; abgek.: 
Lehmann, Paläographie). M. PROU— A.DEBOUARD, 
Manuel de paleographie 4 (Paris 1924) [mit Album]. E. 

A. LOWE, Handwriting: The Legacy of the Middlc 
Ages (Oxford 1926), S. 197—226; (abgek.: Lowe, Hand- 
writing). B. BRETHOLZ, Lat. Paläographie 3 H926). 

B. L. ULLMAN, Ancient writing and its iniluence 
(New York 1932). H. FICHTENAU, Mensch und 
Schrift im MA. (1946). G. BATTELLI, Lezioni di paleo- 
grafia 3 (Citta del Vaticano 1949; abgek.: Battelli, Le- 
zioni 3 ). H. FOERSTER, Abriß der lat. Paläographie 



(Bern 1949). — Tafel werke: The Palacographical 
SocietV, I ler. (London 1873—83); II. scr. (1884 
The New Palacographical Society, I. scr. (London 
1903—12), IL ser. (1913 — 1931). Archivio paleografico 
italiano (Roma 1882 ff.). A. CHROUST, Monumcnta 
palaeographica, I. Ser. (1899— 1906); II. Ser. (1909— 17); 
III. Scr. (1918 ff.; abgek.: Chroust I, II, III). A. 
BRÜCKNER, Scriptoria medii aevi Helvetica (Genf 
1935 ff.; abgek.: Brückner, Scriptoria). W. SCHUM, 
Excmpla codicum Amplonianorum Erfurtcnsium »ae- 
culi IX.— XV. (1882; abgek.: Schum). W. ARNDT— 
M. TANGL, Schrifttafcln zur Erlernung der lat. Pa- 
läographie I/II*; 111= (1904—1907; abgek.: Arndt- 
Tangl 4 ). FR. STEFFENS, Lat. Paläoeraphie* (1909; 
3. Aufl. unverändert 1929; abgek.: Steffens»). M. IHM, 
Palaeographia latina (1909). FR. EHRLE — P. LIL- 
BAERT, Specimina codicum latinorum Vaticanorum 
(1912; abgek.: Ehrle-Liebaert). H. DEGERING, Die 
Schrift (o. J.; abgek.: Degering). J. MALLON—R. MA- 
RICHAL— CH. PERRAT, L'ecriture latine de la capi- 
tale romaine a la minuscule (Paris 1939; abgek.: Mallon- 
Marichal-Perrat). H. FOERSTER, Ma. Buch- und Ur- 
kundenschriften (Bern 1946). J. KIRCHNER, Scriptura 
Latina Libraria (1955; abgek.: Kirchner). E. H. ZIM- 
MERMANN, Die vorkarolingischen Miniaturen (1916; 
abgek.: Zimmermann, Vorkarol. Min.). E. A. LOVi'L, 
Codices Latini Antiquiores (Oxford 1934 ff.; abgek.: 
CLA). A. BRÜCKNER— R. MARICHAL, Chartae La- 
tinae Antiquiores (Olten-Lausanne 1954 ff.). 

Vorwiegend zur dt. Schriftkunde: G. 
KOENNECKE, Bilderatlas zur Geschichte der dt. Na- 
tionalliteratur (1895; abgek.: Koennecke). M. ENNEC- 
CERUS, Die ältesten dt. Sprachdenkmäler in Lichtdruk- 
ken (1897; abgek.: Enneccerus). J. H. GALLEE, Alt- 
sächsische Sprachdenkmäler. Faksimilesammlung (Leiden 
1895; abgek.: Gallee). E. PETZET— O. GLAUNING, 
Deutsche 'Schrifttafeln des IX.— XVI. Jhs. (1910—33; 
abi;ck.: Petzet-Glauning). G. EIS, Altdeutsche Hss. 
(1949; abgek.: Eis). G. BAESECKE, Lichtdrucke nach 
ahd. Hss. (1926; abgek.: Bacsccke, Lichtdrucke); ders., 
Der dt. Abrogans und die Herkunft des dt. Schrift- 
tums (1930; abgek.: Baesecke, Abrogans); ders., Der 
Vocabularius Sti. Galli in der ags. Mission (1933; abgek.: 
Baesecke, Voc. S. Galli). B. BISCHOFF, Die südost- 
dcutsdien Schreibschulen und Bibliotheken in der Karo- 
lingerzeit I (1940; abgek.: Schreibschulen I). B. BI- 
SCHOFF— J. HOFMANN, Libri Sancti Kvliani (1952). 
E. CROUS— J. KIRCHNER, Die gotischen Schrift- 
arten (1928; abgek.: Crous-Kirchner). R. THOMMEN, 
Sdiriftproben aus Basler Hss. des XIV— XVI. Jhs.* 
(1908). K. ROTH— PH. SCHMIDT, Handschritten- 
proben zur Basier Geistesgeschichte des XV. und XVI. 
Jhs. (1926). J. KIRCHNER, Germanistische Hand- 
schriftenpraxis (1950). 

Zeitschriften: Palaeographia latina (London 
1922 ff.); Scriptorium (Anvers 1946 ff.). 



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68 



Bischoff - Paläographie 



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71 



72 



Bischoff - Paläographie 
ZU DEN ABBILDUNGEN 



/. Clm 4719 m. Glossar, wohl Anfang des IX. Jbs., 
Benediktbeuern. Bewegliche Frühminuskel, die 
noch cc und a nebeneinander zeigt und sich un- 
gezwungen kursiver Ligaturen bedient (ant, ect, 
eri, ra, ti). Vgl. Schreibschulen I, S. 31, 269 und 
Taf. I. 

2. Clm 14641, fol. 31 v . Gregorius M., Ep. IX, 52 
(in karolingischer Minuskel) und Epitaph Karls 
des Großen, vgl. Einhard, Vita Karoli, c. 31 (in 
ags. Minuskel), beide Fulda, I. Drittel des IX. Jhs. 
In der steilen, eckigen karolingischen Minuskel 
unverkennbar insularer Einfluß; vgl. auch das 
offene a, das einsilbige Wort te mit Akzent und 
die Abkürzung für est. 

3. Clm 14395, fol. 66 v . Prudentius (Peristepha- 
non X, 256 — 9), saec. X, wahrscheinlich schwä- 
bisch. Scholien, lateinische und ahd. Glossen wohl 
saec. XI; vgl. Steinmeyer, Ahd. Gl. 2, 449; 4, 
538. Die verschnörkelten f und s nach dem Vor- 
bild von Urkundenschrift. 

4. Berlin, Theol. lat. qu. 319, fol. 5 V . Anselm, 
Cur Deus homo, saec. XII 2 , aus Erfurt, St. Peter. 
Eine späte karolingische Minuskel deutschen Typs; 
Z. 112 ein typisches Beispiel des ,schrägovalen' 
Stils. Vgl. B. Wirtgen, Die Hss. des Klosters St. 
Peter und Paul zu Erfurt bis zum Ende des 
XIII. Jhs., Diss. Berlin 1936, S.29 f., 96 f. u. 
Taf. 5 f.; Degering, Taf. 63 — 65. 

5. Rotulus mit der Todesanzeige des Abtes Vitalis 
von Savigny (Diöz. Avranches), mit Eintragun- 
gen der verbrüderten Klöster und Kirchen, 1122/3. 
Französische und englische Schrift der beginnen- 
den Gotisierung. Wie bei den Einträgen von S. 
Sauveur de Vertus (Diöz. Chalons) und St. 
Albans ist bei der Mehrheit der englischen Schrif- 
ten ein stilistischer Vorsprung in der Ausgeglichen- 
heit zu erkennen, obwohl Schaftbrechung, wink- 
liger Ansatz der Haarstriche, Aufbiegung der 
Schaftenden von f und s sowie die Tendenz zur 



Quadrangelbildung auch bei den französischen zu 
beobachten sind. Nach L. Delisle, Rouleau mor- 
tuaire du b. Vital, abbe de Savigny (Paris 1909), 
Taf. 21. 

6. Ehemals Königsberg, Staatsarchiv A 191, 
S. 604. Hiob (V. 14016—20, 14053—8), etwa 
Mitte des XIV. Jhs., im Ordenslande geschrieben. 
Gotische Textura, mit Quadrangeln und Bogen- 
verbindungen. Nach DTdMA. 21, Taf. 2. 

7. Berlin, Phill. 1827, fol. 75 v . Heinricus Poeta, 
Dialogus de curia Romana (V. 972 — 981, 1023 
bis 1026), 1277 (Wernherus scripsit). Frühes Bei- 
spiel der Verwendung von Notula für einen lite- 
rarischen Text, das zugleich den flachen Stil der 
II. Hälfte des XIII. Jhs. illustriert. Zu beachter 
die verschiedenartige Bildung der Oberlängen 
usw. Vgl. H. v. Grauert, Meister Heinrich der 
Poet in Würzburg und die römische Kurie (Ab- 
handl. d. kgl. Bayer. Akad. d. Wiss., philos.- 
philol. u. bist. Kl. 27, 1/2, 1912), S. 8 u. Taf. 2. 

8. Clm 903, fol. 222. Andreas von Regensburg, 
eigenhändige lateinische und dt. Notizen von 
1422. Formbewußte Bastarda und kleinere an- 
spruchslose Notizenschrift. Vgl. G. Leidinger bei 
Chroust I, 6, 6; ders.: Andreas von Regensburg, 
Sämtliche Werke (1903), S. LXIII ff. u. 305. 

9. Wien 567, fol. 10. Conrad Türst, De situ 
confoederatorum descriptio. Widmungsexemplar 
für den Rat von Bern, 1495—97. Vgl. 10. 

10. Privatbesitz, Dass., dt. Übersetzung. Wid- 
mungsexemplar für den Altschultheißen Rudolf 
von Erlach in Bern (f 1507). Die beiden Wid- 
mungsexemplare, deren Maße und Ausstattung 
genau übereinstimmen, bieten lateinische und dt. 
Kalligraphie desselben Schreibers: eine Art huma- 
nistischer Kursive und späte Bastarda. Vgl. G. v. 
Wyss-H. Wartmann, Quellen zur Schweizer- 
geschichte, 6 (Basel 1884), S. 63, 65 f., 72. 



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FOR REFERENCE 

NOTTO BETAKEN FROMTHISROOM 




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PONTIFICAL INSTITUTE OF MEDIAEVAL STUOlES 
59 QUEEN'S PARK CRESCENT 
\ TORONTO— 5, CANADA 

22169-